Gret Haller

 

DER TRANSATLANTISCHE DIALOG UND DIE ACHSE DER SÄKULARISIERUNG
Gedanken zu Europa in der Zeit nach dem Irak-Krieg

Bulletin ET, Europäische Gesellschaft für katholische Theologie, 2003/2


 

Der transatlantische Dialog muss weitergeführt werden, daran besteht kein Zweifel. Die Beschwörung der Gemeinsamkeiten diesseits und jenseits des Atlantiks ist jedoch eine Illusion. Genau so kontraproduktiv ist die These von der absoluten Unvereinbarkeit, wie sie bisweilen aus einer antiamerikanischen Stimmung heraus formuliert wird. Beide Haltungen führen in eine Sackgasse, weil sie emotional begründet sind. Weiterführen kann nur eine rationale Analyse und deren konsequente Umsetzung. Der folgende Beitrag zeigt dazu auch ein historisches Element auf.
Nur die Vereinigten Staaten verfügen heute über die Mittel, die militärische Sicherheit auf diesem Planeten garantieren zu können. Europa kann und wird sich zwar militärisch in die Lage versetzen, den eigenen Kontinent auch militärisch mit eigenen Mitteln befrieden zu können. Die militärische Mitwirkung europäischer Staaten an Aktionen ausserhalb Europas ist - in Absprache mit den europäischen Partnerländern - ebenfalls nach wie vor denkbar. Ein darüber hinausgehender Ausbau der militärischen Mittel ist für Europa hingegen nicht sinnvoll, insbesondere nicht die Planung einer Angleichung an die US-Kapazitäten. Europa hat in die Weltgemeinschaft Dinge einzubringen, die aus anderen Kontinenten nicht in dieser Intensität eingebracht werden können. Sie liegen nicht im militärischen, sondern im gesellschafts-, wirtschafts-, rechts- und staatspolitischen Bereich. Eine Umlagerung der Investitionen auf die Verteidigung würde die Erfahrung in diesen Bereichen behindern, sie würde den europäischen Beitrag an die Weltgemeinschaft vermindern, wenn nicht verunmöglichen. Hingegen hat Europa ein spezifisches Interesse an zwei Dingen: Erstens im Rahmen der Weltgemeinschaft wie auch direkt darauf Einfluss zu nehmen, wann und wie die Vereinigten Staaten ihre militärischen Mittel weltweit einsetzen. Und zweitens auch in den USA Interesse zu wecken für den spezifisch europäischen Beitrag und seine Nützlichkeit im Sinne der Komplementarität. Ohne transatlantischen Dialog ist beides nicht möglich.
Der Dialog muss also weitergehen, auch wenn er in den letzten Monaten und Jahren zunehmend schwieriger geworden ist. Äusserlich stehen als Begründung für die Schwierigkeiten die Reaktion auf den 11. September oder der Irak-Krieg im Vordergrund. Im Grunde genommen sind dies aber nur Anzeichen einer Entwicklung, die durch das Ende des Kalten Krieges ausgelöst wurde. Das Jahr 1989 hat das transatlantische Verhältnis auf eine völlig neue Basis gestellt, wie sie in der Geschichte noch nie gegeben war. Das Heraustreten der Vereinigten Staaten aus einer isolationistischen Haltung ist eine relativ junge Erscheinung. Beginnend mit dem ersten Weltkrieg, später in der Initiative von US-Präsident Wilson zur Gründung des Völkerbundes (dem die USA dann allerdings nicht beigetreten sind), mündete die Entwicklung in das Engagement im zweiten Weltkrieg und schliesslich in die Initiative zur Gründung der Vereinten Nationen, gefolgt vom Kalten Krieg. Diese ganze Zeitspanne bis 1989 ist geprägt von der Existenz eines militärisch mächtigen Gegners. Der erste Weltkrieg ging fast nahtlos in die Bedrohung durch Faschismus und Nationalsozialismus über, und diese mündete in die Bedrohung durch die UDSSR. Erstmals stehen die USA seit 1989 ohne militärisch mächtigen Gegner in einer Welt, von der sie sich jedenfalls bis heute nicht isolationistisch abzuwenden gedenken. In dieser Konstellation werden erstmals transatlantische Differenzen sichtbar, deren Wurzeln auf die Gründungszeit der "neuen Welt" zurückgehen. Ohne deren Verständnis wird die Fortsetzung des transatlantischen Dialoges kaum möglich sein.

Alt-europäische Errungenschaften

Europa hat nach den Religionskriegen im Westfälischen Frieden 1648 den religiös oder moralisch begründeten Krieg ein für alle mal geächtet. Kriege fanden danach nie mehr mit religiöser oder moralischer Begründung statt, sondern es handelte sich um Eroberungskriege, welche durch Nationen - allenfalls mit nationalistischer Begründung - geführt wurden. Durch den selben Friedensschluss hat Europa das Völkerrecht erfunden: eine internationale Ordnung, welcher sich die Staaten durch Souveränitätsverzicht unterwerfen, wenn auch manchmal nur für kurze Zeit, aber das Phänomen der Unterwerfung unter das Völkerrecht war immerhin bekannt. Und aus der Aufklärung stammt die Trennung von Recht und Moral, welche sich in Europa schon früh durchgesetzt hat. Recht - auch Völkerrecht - ist moralisch neutral. Es dient zwar dazu, moralische Normen umzusetzen, und die Beweggründe zum Erlass dieser Normen können durchaus moralischer Natur sein, so z.B. auch der Wunsch, künftig Krieg und Leiden der Menschen einzudämmen. Aber wenn die Rechtsnorm oder der völkerrechtliche Vertrag in Kraft getreten ist, so gelten sie gleicherweise für "gute" und "böse" Menschen oder erst recht für "gute" und "böse" Staaten, was immer man sich in diesem Zusammenhang unter "böse" auch vorstellen mag. Die drei erwähnten und für Europa bis heute ungemein prägenden Schritte, die im 17. Jahrhundert vollzogen worden sind, basieren auf der Einbindung der Religion in eine staatliche Ordnung.
Die Vereinigten Staaten sind als Antithese zu eben dieser Rangordnung entstanden. Die puritanischen Pilgerväter, welche in England in Opposition zur staatlichen Ordnung standen, betrachteten die religiös begründete Ordnung ihrer Gemeinden als öffentliche Ordnungsstruktur schlechthin, und sie erachteten somit eine staatliche Ordnungsstruktur als überflüssig. Sie lehnten jede staatliche Einmischung ab, und der Weg in die neue Welt ermöglichte ihnen die konkrete Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Vorstellungen. Sie haben die Vereinigten Staaten entscheidend geprägt. Der bis heute strikte US-Staatsminimalismus basiert im Grunde genommen darauf, dass im Gegensatz zu Europa die Staatlichkeit der Religion unterstellt worden ist. Trennung von Kirche und Staat bedeutet jenseits des Atlantiks, dass die Religion vor dem Staat geschützt werden soll, während Europa schon 1648 den Schlüssel dazu entdeckt hat, wie der Staat vor der Religion geschützt werden kann. Dieser Unterschied wirkt sich nun auch auf die beiden anderen Errungenschaften Europas aus dem 17. Jahrhundert aus: Nach der Trennung von Recht und Moral im europäischen Sinne sucht man in den Vereinigten Staaten vergebens. Und eine völkerrechtliche Einbindung durch Souveränitätsverzicht erscheint den Vereinigten Staaten heute mehr denn je als ein möglichst zu vermeidendes Übel.

Vertraute Begriffe mit verschiedener Bedeutung

So unterschiedliche Ausgangspunkte haben zur Folge, dass viele Begriffe, die diesseits und jenseits des Atlantiks im Glauben verwendet werden, man meine damit dasselbe, in Europa und den Vereinigten Staaten eben keineswegs gleich verstanden werden. Einige dieser Begriffe seien hier kurz erläutert.
In Europa besteht demokratische Identität in der Wahl der Parlamente, zu der man in der Eigenschaft als Teil des Volkssouveräns berechtigt ist. US-Amerikaner erleben demokratische Identität viel weniger in diesem Bereich, sondern darin, Rechte zu haben, auf die man sich jederzeit gerne beruft, und die man als Einzelperson oder als Vertretung eines Minderheitsinteresses vor Gericht einklagen kann. So erhalten das Recht und die Justiz in den Vereinigten Staaten eine ganz andere Funktion als in Europa, nämlich eine politische. Die US-Demokratie ist ein "Kampf um Rechte", die europäische hingegen ein "Kampf um Gesetze". In den politischen Instanzen, insbesondere in den Parlamenten, wird in Europa um die Gesetzgebung gestritten, und die so entstandene Rechtsordnung wird dem Staat anvertraut. Dies ist in den Vereinigten Staaten schon deshalb nicht möglich, weil der Staat - im Gegensatz zur "Nation" - keine eigene ethische Qualität aufweist, weshalb der Gedanke nicht nahe liegt, das Recht in der Form einer "Rechtsordnung" dem Staat anzuvertrauen. "Recht" bleibt bei den einzelnen Individuen beheimatet. Wenn in den Vereinigten Staaten die Auseinandersetzung um die Verteilung von Macht direkt - horizontal - in der Gesellschaft zwischen den Privaten stattfindet, und nur zu einem kleineren Teil im Parlament, so deshalb, weil den Gründern dieser Nation die Vorstellung eines vernünftigen Gemeinwillens fremd war, der in Europa der Staatsbildung zugrunde liegt. Sie wollten eine möglichst staatsfreie Gesellschaft, in welcher die Machtverteilung zwischen Privaten oder allenfalls Minderheitsgruppen ausgehandelt wird, um Mehrheiten zu vermeiden, welche die Legitimation hätten beanspruchen können, den Staat zu stärken. Ein staatspolitisches Bewusstsein gibt es jenseits des Atlantiks kaum, anstelle dessen ein umso stärkeres "nationales" Bewusstsein. Demokratisierung heisst deshalb im US-amerikanischen Verständnis tendenziell immer "Entstaatlichung". Aus europäischer Sicht setzt Demokratisierung hingegen den Staat voraus, und dies im Sinne einer staatsphilosophischen Kategorie, die weit über die rein ökonomische Frage nach "mehr oder weniger Sozialstaat" hinausreicht. Europa braucht den Staat und das Phänomen der "Staatlichkeit", um die Errungenschaften von 1648 bewahren zu können.
Ein weiterer transatlantischer Bedeutungsunterschied findet sich im Verständnis der Nation. In Europa ist die Nation während etwa zweihundert Jahren in gewisser Weise an die Stelle der Religion getreten. Die "Nation" war durch die Romantik ursprünglich als ein rein kulturelles Phänomen erfunden worden, und zwar als Reaktion auf die als zu intellektuell empfundene Aufklärung. Für die abstrakten, aufklärerischen Ideen des Republikanismus brauchte die französische Revolution jedoch ein identitätsstiftendes Gefäss, nachdem der König als staatliche Identifikationsfigur abgesetzt worden war. In Frankreich wurde deshalb das kulturelle Phänomen der Nation in ein politisches umgewandelt, das nun plötzlich zur Bildung von "Nationalstaaten" beitrug. Die längst als Staaten formierten Länder Westeuropas - England, Frankreich, Spanien - wurden damals in die Form staatspolitisch verstandener Nationen gegossen. In Amerika hingegen wurde zwar formal ein Nationalstaat gegründet, aber aufgrund des von allem Anfang an umgekehrten Verhältnisses zwischen Staat und Religion lag das Fundament der nationalen Gefühle nicht im staatspolitischen Bereich, sondern im religiösen. Dieser transatlantische Unterschied ist bis heute wirksam, wobei sich religiöse Vorstellungen heute auch und vor allem in moralischen Kategorien manifestieren. Europäische Nationen begründen sich staatspolitisch. Die US-amerikanische Nation begründet sich religiös und moralisch. Im Verständnis dieser Nation spielte das "Gute", für das diese Nation steht, von allem Anfang an eine zentrale und religiös begründete Rolle.
Schliesslich soll noch ein transatlantischer Unterschied im Freiheitsverständnis erwähnt werden. In der Ablehnung von diktatorischen Staats- und Regierungsformen und des Totalitarismus bedeutet Freiheit diesseits und jenseits des Atlantiks zwar dasselbe. Im Bereich der "Staatlichkeit" haben Europäerinnen und Europäer in ihrer geschichtlichen Entwicklung jedoch eine Bindung akzeptiert, welche ihnen wiederum ihre Freiheit garantiert. Diese Freiheit umfasst auch die "Freiheit vom Bekenntniszwang". Staatlichkeit verlangt keine Identifikation, keinen Glauben an diesen Staat, schon gar nicht ein Bekenntnis zu ihm: Staatsbürger oder Personen, die einer Staatlichkeit unterworfen sind, deren Bürgerrecht sie nicht besitzen, können durchaus innere Vorbehalte haben gegen diese Staatlichkeit, eine innere Reserve oder eine ideelle Distanz. Sie müssen sich lediglich an die Rechte und Pflichten halten, die das Gesetz im Verhältnis zwischen ihnen und dem Staat vorsieht. Die Trennung von Recht und Moral schützt sie vor dem Bekenntniszwang. In den Vereinigten Staaten ist hingegen das immer wiederkehrende Bekenntnis unabdingbar, es bezieht sich auf die religiös und moralisch begründete Nation, wie man insbesondere nach dem 11. September 2001 hat beobachten können. Der Unterschied ist darauf zurückzuführen, dass Europa den Staat als dritte Dimension kennt, und dass er über die rein horizontalen Beziehungen zwischen den Individuen hinausgeht. In den Vereinigten Staaten hat demgegenüber die Religion die Funktion dieser dritten Dimension übernommen.

Lernprozess Irak-Krieg

Schon im Vorfeld des Irak-Krieges sind die transatlantischen Unterschiede in einem Ausmass virulent geworden, das bislang unvorstellbar war. Es wurde deutlich, wie sehr die drei erwähnten alt-europäischen Errungenschaften in den USA fehlen. Wie selten zuvor wurde aber auch der Zusammenhang zwischen den drei erwähnten Elementen der europäischen Ideengeschichte sichtbar.
Das Völkerrecht schliesst alle Religionen der Welt ein, es "übersetzt" den Willen der verschiedenen Staaten und damit der verschiedenen religiösen Kulturen in eine inter-staatliche Ordnung mit dem Ziel des grösstmöglichen Gewaltverzichtes. Ist diese Ordnung einmal akzeptiert, so kann ein religiöses Motiv für sich allein keine Gewaltanwendung mehr begründen, und es besteht zwischen den Beteiligten auch kein Bedürfnis mehr danach. Ist hingegen die Religion oberste Maxime und nicht die Staatlichkeit, so muss ein aus religiösen Gründen geführter Krieg möglich bleiben. Die Ablehnung einer völkerrechtlichen Ordnung und die Dominanz der Religion über die staatliche Ordnung, wie man heute beides in den USA beobachtet, bedingen sich gegenseitig. Eine Gesellschaft, deren Zusammenhalt letztlich durch die Religion gewährleistet ist - auch in der Form einer religiös begründeten nationalen Identität -, kann sich mangels Säkularisierung nicht in einen weltweiten interstaatlichen Ordnungsrahmen einfügen. Dazu ist nur eine Gesellschaft fähig, deren Zusammenhalt durch eine säkularisierte staatspolitische Identität gewährleistet wird. Umgekehrt benötigt die säkularisierte Gesellschaft nicht unbedingt Feinde, auch wenn sie gelegentlich mit ihnen leben muss. Die nicht säkularisierte Gesellschaft kann jedoch ohne Feinde nicht leben. So war es denn nur logisch, dass nach der Implosion des kommunistischen Ostblockes durch Huntingtons "Clash of civilisations" sofort ein neues Feindbild konstruiert wurde, an dessen "Vervollkommnung" heute seitens der USA wirkungsvoll gearbeitet wird.
Die US-amerikanische Dominanz der Religion über die Staatlichkeit hängt jedoch auch mit der in diesem Land kaum existierenden Trennung von Recht und Moral zusammen. Aus europäischer Sicht hatte der irakische Diktator die Möglichkeit, einen Krieg dadurch zu vermeiden, dass er sich dem UNO-Abrüstungsbefehl - wenn auch spät und widerwillig - unterzog. Er wurde weder als "gut" noch als "böse" betrachtet, sondern einfach als rational besehen "gefährlich", und diese Gefahr sollte mit geeigneten Mitteln behoben werden. Aus US-Sicht hingegen hatte er, nachdem er einmal als "böse" eingestuft war, die Möglichkeit des Einlenkens nicht mehr. Dies zeigte sich darin, dass jedes Einlenken durch Washington umgehend nicht nur als "ungenügend", sondern als "zu spät" qualifiziert, die Erfüllbarkeit der UNO-Resolution also von vornherein verneint wurde. Deshalb auch die immer wieder neu formulierten Zielsetzungen des Krieges, zuerst "Entwaffnung des Iraks", dann "Eliminierung des Diktators" und schliesslich "Demokratisierung des Iraks", eine fast verzweifelte Suche nach einer Begründung für einen Krieg, für den es objektiv keinen Grund, aber subjektiv im US-nationalen Selbstverständnis eine religiös bedingte, absolute Notwendigkeit gab.
Die Akzeptanz einer weltweit geltenden Völkerrechtsordnung, wie sie auch den Vereinten Nationen zugrunde liegt, will möglichst alle dabeihaben, sie lässt eine Unterteilung in Freund und Feind nicht zu, und sie funktioniert nur durch grösstmögliche Inklusivität. Stellt man diesem Denken ein Freund-Feind-Schema gegenüber, wie es die USA mit der von ihr erfundenen "Koalition der Willigen" getan haben, so will man bewusst eine Exklusivität und nicht umfassende rechtliche Einbindung. Die "Guten" werden Freunde der USA, und wer sich nicht dazu zählen will, gehört nicht mehr zu den "Guten". Die UNO ist als Handlungsrahmen für die Vereinigten Staaten vor allem deshalb nicht mehr akzeptierbar, weil sie dieses "gute" Land ("God's own country") institutionell in eine Zusammenarbeit mit "bösen" Ländern zwingen würde. Deshalb besteht zwischen der mangelnden Trennung von Recht und Moral in den USA und der Ablehnung einer völkerrechtlichen Bindung ebenfalls ein Zusammenhang. Die "Koalition der Willigen" stellt den Gegenbegriff dar zu einer umfassenden Völkerrechtsordnung, wie sie Europa 1648 immerhin in der Theorie erfunden und seither - wenn auch mit Rückfällen - immer wieder neu umgesetzt hat. Die meisten Länder der Welt, weit über den europäischen Kontinent hinaus, befürworten und fördern heute die Vorstellung einer weltweiten Ordnung. Diese alt-europäische Errungenschaft hat sich ideengeschichtlich weit gehend durchgesetzt.

Vorbedingungen für einen Dialog

So unterschiedliche Voraussetzungen zweier Dialogpartner sind zwar ein schwieriger Ausgangspunkt. Die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat indessen bewiesen, dass der transatlantische Dialog möglich ist. Vor allem moralische Kategorien sind es, die das Gespräch zur Illusion machen: Über die "bösen" US-Amerikaner herzufallen bringt genau so wenig, wie wenn in Washington betont wird, welche Europäer jetzt leider nicht mehr "so nahe Freunde" seien wie früher. Wenn jeder zweite Satz die Frage thematisiert, ob nun die US-Amerikaner "besser" oder "schlechter" seien als die Europäer - dies ist bisweilen bei beiden Gesprächspartnern zu beobachten -, dann ist der Dialog zu Ende. Ins gleiche Kapitel gehört der unverwüstliche Dankbarkeits-Diskurs (" ... wir haben Euch doch befreit und jetzt seid Ihr gegen uns!"). Er führt genau so wenig weiter wie die virtuelle Aufteilung in "liebe" einzelne Amerikaner und die "böse" Administration des gegenwärtigen Präsidenten. Generell besteht heute eine Tendenz, politische Fragestellungen zu personalisieren, was den transatlantischen Dialog behindert. Es geht nicht um die Person des gegenwärtigen US-Präsidenten, sondern es geht um objektive Faktoren, um ein politisches System und um die Ideengeschichte einer Nation, welche diese Präsidentschaft ermöglichen. Viele mit den heutigen Ereignissen verwandte Phänomene waren im Kleinen schon unter der Administration Clinton zu beobachten.1
Die entscheidende Wende erfolgte 1989.
Der transatlantische Dialog sollte vor allem jene US-Amerikaner ansprechen, welche sich überhaupt mit Gegebenheiten ausserhalb ihres Landes befassen. Prozentual ist dies ein kleiner Anteil der Bevölkerung, aber die Gruppe intellektuell Interessierter - nicht deckungsgleich mit der Gruppe des grössten politischen Einflussreichtums - gehört zweifellos dazu. In diesen Kreisen kann über Fakten gesprochen werden, ohne immer wieder in moralische Kategorien zurückzufallen. Im Sinne eines Beispiels sei hier die Thematisierung des unterschiedlichen Umgangs mit gefährlichen Gütern erwähnt: Europa verbietet solche eher durch das Gesetz, die USA vertrauen lieber auf die Sammelklage gegen den Produzenten. Damit ist sowohl das unterschiedliche Rechtsverständnis angesprochen, der verschiedene Umgang mit Recht und Moral, sowie aber bereits auch die Parallele zur völkerrechtlichen Ebene: Europa tendiert für die Bewältigung der vielfältigen Gefahren oder sonstiger Missstände auf diesem Planeten zu bindenden völkerrechtlichen - und notabene moralisch neutralen - Regelungen, während die USA entsprechend ihrer umgekehrten ideengeschichtlichen Prägung im Einzelfall handeln wollen, basierend auch auf ihrer moralischen Wertung dieses Falles. Und die letztere kann von einem völlig gleich liegenden Fall durchaus abweichen, weil das nationale Interesse der USA Ausschlag gebend ist, welches auch religiös verstanden wird.
Schädlich für den Dialog sind Illusionen. Es wird nicht möglich sein, in den USA das Verhältnis zwischen Religion und Staat nach europäischem Muster umzudrehen. Die US-amerikanische Gesellschaft ist genauso wie Europa ein Produkt ihrer Ideengeschichte. Rational thematisiert werden können hingegen die Bruchstellen: Was heute weltpolitisch so virulent erlebt wird, ist die seit 1989 zunehmende Tendenz, US-amerikanische Aussenpolitik nach den Mustern der US-innerstaatlichen Ideengeschichte auszugestalten. Damit hat sich die Bruchstelle zwischen den beiden ideengeschichtlichen Mustern in die Weltpolitik verschoben. Vor 1989 war das nicht so: Die weltpolitische Konstellation des Kalten Krieges legte es den Vereinigten Staaten nahe, sich insofern relativ "europäisch" zu verhalten, als die völkerrechtliche Einbindung des Gegners als Methode durchaus akzeptiert wurde, und damit auch die eigene Einbindung. Damals lag die Bruchstelle zwischen den beiden Denkmustern wenigstens zum Teil zwischen der US-amerikanischen Innen- und der Aussenpolitik. Eine Fragestellung im transatlantischen Gespräch geht somit dahin, ob und allenfalls wie es ermöglicht werden könnte, sich diesem Zustand auch ohne militärisch mächtigen Gegner der USA wieder anzunähern.

Die Achse der Säkularisierung

Die neue Konstellation im transatlantischen Dialog setzt auch neue Akzente im weltweiten Dialog der europäischen Staaten. Die jahrhundertealten Differenzen zu den USA, welche seit 1989 zum ersten Mal virulent zum Tragen kommen, rufen Europa die eigene Säkularisierung in Erinnerung. Vor 1989 war es Europa nicht bewusst, dass der "Westen" aus einem säkularisierten und einem nicht säkularisierten Teil besteht. Der Kalte Krieg hat eine solche Betrachtungsweise verunmöglicht. Man konnte sich eine "Spaltung" des Westens nicht leisten, und hinzu kam der bereits erwähnte relativ "europäische" Umgang der Vereinigten Staaten mit dem Völkerrecht. Dass dieser auch damals im Widerspruch stand einerseits zur US-spezifischen Dominanz der Religion über die Staatlichkeit und andererseits zur mangelnden Trennung von Recht und Moral, erschien in den Vereinigten Staaten angesichts der Bedrohung als nebensächlich. Heute ist in Europa die Betrachtungsweise eines wertmässig nicht einheitlichen Westens nicht nur möglich, sondern sie ist geradezu unvermeidlich geworden. Da liegt es nahe, auch andere Weltreligionen oder Kulturkreise in dieselbe Fragestellung einzubeziehen.
Der Islam kennt die Trennung von Staat und Religion nicht. Diese Ausgangslage kann zu ganz verschiedenen Resultaten führen. Einerseits gibt es islamistischen Fundamentalismus, der ganze Nationen hat vereinnahmen können. Andererseits gibt es Staaten mit islamischer Staatsreligion, die religiös durchaus tolerant sind und die Freiheit des Einzelnen respektieren. Der Islam verfügt also durchaus über ein Potential zur Einbindung der Religion in säkularisierte Strukturen, dies aber nur, wenn dafür günstige Voraussetzungen geschaffen werden können. Der islamistische Fundamentalismus behindert die Nutzung dieses Potentials. Diese Tendenz ist nicht im Islam selber angelegt, sondern der Fundamentalismus missbraucht den Islam politisch genau so, wie die Kreuzritter im Mittelalter oder noch heute gewisse protestantisch fundamentalistische Sekten vor allem in der dritten Welt das Christentum missbrauchen. Auch für die anderen grossen Religionen kann die entsprechende Analyse gemacht werden. In verschiedenen Weltreligionen scheint es ebenfalls sowohl säkularisierte als auch nicht säkularisierte Erscheinungsformen zu geben.
Wenn Europa als säkularisierter Teil des "Westens" weltweit vermehrt mit anderen säkularisierten Staaten zusammenarbeitet, insbesondere auch mit den säkularisierten Staaten der islamischen Welt, könnte bildhaft gesprochen eine "Achse der Säkularisierung" entstehen. Sie würde weltweit nicht nur dem Völkerrecht Auftrieb geben, sondern säkularisierte Staaten gehen auch in der Definition der Würde des Menschen von ähnlichen Prämissen aus. Nicht säkularisierte Gesellschaften definieren die Menschenwürde erfahrungsgemäss unter anderen Vorzeichen. Der Irak-Krieg wird im arabischen Raum für Jahrzehnte ein grosses Problem verletzter Würde hinterlassen und damit die Gefahr des Erstarkens fundamentalistischer Bewegungen. Eine Annäherung an Europa könnte Gegenkräfte mobilisieren. Europa hat eine 350-jährige Erfahrung darin, wie Religion staatlich eingebunden werden kann. Was Kriege anbelangt hat Europa darüber hinaus so viel Schuld und Leiden auf sich geladen, dass es fähig geworden ist, Leiden in Einsicht umzuwandeln und das eigene Verhalten entsprechend zu korrigieren. Nicht nur dadurch hat Europa in diesem Bereich eine besondere Verantwortung, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Weltpolitik funktioniert nun einmal so, dass sich ökonomisch starke Regionen besser durchsetzen können als ökonomisch schwache. Europa ist der einzige Kontinent, der ökonomisch stark und gleichzeitig säkularisiert ist.

Europäische Perspektiven

Zieht man die jahrhundertealte Geschichte der transatlantischen Unterschiede in Betracht, so können einen die gegenwärtig stattfindenden innereuropäischen Kontroversen kaum erschüttern. Europäische Staaten - und zwar sowohl westeuropäische als auch mittelosteuropäische - können sich nicht "amerikanisieren", es sei denn, sie gingen an ihre eigenen und immer noch prägenden Wurzeln des 17. Jahrhunderts zurück und würden dort die Rangfolge zwischen Staat und Religion umdrehen. Solches ist kaum vorstellbar. Wenn heute einige mittelosteuropäische Staaten eine gewisse Affinität zum US-amerikanischen Staatsminimalismus erkennen lassen, so liegt dies einfach darin begründet, dass die kommunistische Herrschaft den Staat gründlich in Misskredit gebracht hat. Dies sind aber verglichen mit der jahrhundertealten europäischen Geschichte Phänomene an der Oberfläche, welche sich bald abschwächen werden, beschleunigt insbesondere auch durch die Integration vieler dieser Staaten in die Europäische Union.
Europäerinnen und Europäer sollten sich umgekehrt aber auch nicht vornehmen, die Vereinigten Staaten europäisieren zu wollen. Die Geschichte der "Neuen Welt" lässt dies nicht zu. Hingegen kann man versuchen, jenen US-Amerikanern, die sich dafür interessieren, die ideengeschichtlichen Unterschiede zwischen Europa und den Vereinigten Staaten bewusst zu machen. Dies bedingt aber wiederum, dass Europa selber seine historisch gewachsene Staats- und Rechtskultur kennt und öffentlich klar benennt. Nicht zuletzt davon wird es abhangen, ob Europa in der Lage sein wird, aus dem Irak-Krieg weiterführende Schlüsse zu ziehen und diese in einer Weise in die Nachkriegs-Zeit einzubringen, welche den Frieden auf dieser Welt nachhaltig fördert.


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