Gret Haller

 

GESETZE FÜR DEN TOD UND DIE GESETZGEBUNG FÜR DAS LEBEN
Abendfeier im Rahmen der Karwoche 2004 zum Thema "Wir haben ein Gesetz und ...", Mittwoch, 7.April 2004, in der Franziskaner-Kirche, Luzern

Orgel und Musikauswahl: Franz Schaffner


 

Orgel: Anonymus, "Battaglia famossa", 17. Jahrhundert

Wir hörten zur Einstimmung das Stück "Battaglia famossa", welches im 17. Jahrhundert komponiert worden ist, von einem Komponisten, dessen Name nicht überliefert ist. Diese Musik entstand zu einer sehr kriegerischen Zeit, und sie wiederspiegelt - wenn auch spielerisch - das Schlachtengetümmel. Wohl kaum ein Jahrhundert erlebte so krass und intensiv den Krieg. Aber in keinem anderen Jahrhundert war in Europa dann auch der Durchbruch zum Frieden so intensiv.

In jenem 17. Jahrhundert kamen die Religionskriege zum Abschluss, welche fast hundert Jahre gedauert hatten. Ausgebrochen waren diese Religionskriege im 16.Jahrhundert, und zwar in der Folge der Reformation. Vor der Reformation war man in die katholische Religion eingebunden gewesen, mehr oder weniger fromm, aber man musste sich religiös nicht besonders hervortun, um dazuzugehören. Sekten gab es wenige und sie wurden verfolgt. Die Reformation hat die Religion dann recht eigentlich "konfessionalisiert". Konfession heisst auf deutsch übersetzt das Bekenntnis. Da es schon bald verschiedene Konfessionen gab, musste man auch zu erkennen geben, zu welcher man gehörte, man musste sich bekennen, man musste ein Bekenntnis ablegen zur Religion.

In Europa hatte es schon im Mittelalter keine einzige und absolut richtige Lehrmeinung gegeben, welche nicht bestritten gewesen wäre. Immer hatte ein Konflikt bestanden zwischen der Kirche und dem Staat, zwischen dem Papst und dem Kaiser. Und in der Welt der Staaten gab es auch eine Vielfalt, verschiedene Staaten, die gegenseitig um Einfluss kämpften, Fürstentümer und Kleinststaaten. Ein grosses einheitliches Reich, welches Absolutheit hätte beanspruchen können, bestand nur sehr kurz unter Karl dem Grossen, also noch vor dem Jahr 1000. Im ausgehenden Mittelalter war Europa vielfältig unterteilt in verschiedene Einflussgebiete. Und vor allem war Europa aufgrund dieser Entwicklung kein guter Boden für irgendwelche fundamentalistischen Lehrmeinungen, welche hätten Anspruch erheben können auf Absolutheit oder auf universelle Gültigkeit.

Aber gerade aufgrund dieser Ausgangslage kam es dann zu fast 100 Jahren Religionskriegen. Die "Konfessionalisierung" der Religion erfasste auch die verschiedenen Staaten. Und da man sich neuerdings zur Religion bekennen musste und wollte, bekämpfte man sich auch dementsprechend. Es waren nicht mehr reine Eroberungsfeldzüge, sie galten als gerechte Kriege, moralisch begründete Kriege, Kriege für das moralisch Richtig, Kriege für das richtige Bekenntnis. Diese Kriege kosteten einen Drittel der gesamten europäischen Bevölkerung das Leben, gewaltsam im Krieg, durch Seuchen oder durch privaten Mord und Totschlag, denn die öffentliche Ordnung brach völlig zusammen, Europa landete in der Anarchie. Von 1618 bis 1648 dauerte der Dreissigjährige Krieg, der den Schlusspunkt der 100 Jahre Religionskriege bildete.

Im Verlaufe dieses Krieges geschah nun aber etwas bemerkenswertes. Genau die selben Politiker, welche den Krieg herbeigeführt hatten, wollten in einem bestimmten Zeitpunkt den Frieden erreichen. Die fundamentalistische Haltung, wonach die Religion die einzige und letzte Norm ist, hat bei diesen Leuten gar nicht Fuss fassen können. Sie unterschieden weiterhin zwischen der kirchlich-religiösen und der staatlich-politischen Fürsorge für die Untertanen, wie es seit langem in Europa üblich gewesen war. Deshalb konnten sie umdenken, als es sich zeigte, dass der Krieg sowohl Staat und Gesellschaft als auch die Kirchen ins Verderben stürzen könnte. Als sie das einsahen, haben sie dazu beigetragen, dass im Westfälischen Frieden die Religionen definitiv in eine staatliche Ordnung eingebunden wurde, das heisst, die Religion und alle Konfessionen wurden säkularisiert. Und gerade damit haben sie ein für allemal festgehalten, dass man keine "gerechten" Kriege mehr führen dürfe, also keine Kriege für das Richtige, Kriege für das moralisch Richtige, also auch keine Kriege für das Gute.

Der Westfälische Friede war in Europa der erste grosse Durchbruch einer Gesetzgebung für das Leben. Der Tod hatte so entsetzlich gewütet, dass dieser Durchbruch möglich wurde. Das Jahr 1648 gilt deshalb auch als die Geburtsstunde des Völkerrechtes, also des Rechtes, das die Beziehungen zwischen den Staaten regelt. Völkerrecht ist immer ein Vertragsrecht, das den Krieg zwischen den Staaten vermeiden soll, oder mit dem man sich auf Dinge einigt, die man gemeinsam erreichen will, weil sie alle betreffen. 1648 wurde vor allem auch vereinbart, dass alle Staaten gleichberechtigt an den Vertragsschlüssen teilhaben sollten, dass es auf alle ankam, weil man alle dabeihaben musste und deshalb alle dabeihaben wollte. Das geht nur, wenn auch alle dabei sein dürfen, weil sie eben gleichgestellt sind. Und es geht nur, wenn man die Staaten nicht unterteilt in gute oder böse Staaten. Die Gleichheit der Staaten ist eine der wichtigsten Errungenschaften des Westfälischen Friedens.

Der eigentliche Friedensschluss war durch überbordende Festlichkeiten gekennzeichnet, man ass und trank tagelang und in verschiedenen Zusammensetzungen, und zwar sowohl in Münster als auch in Osnabrück, den beiden Verhandlungsorten. Eine schöne Vorstellung, dass die erste Rechtsordnung, die ich eben als Gesetzgebung für das Leben bezeichnet habe, so gefeiert worden ist. Man wollte dem Tod wohl etwas entgegenstellen, und zwar auch etwas Handfestes.

Wir hören nun aber als nächstes die Musik eines Mannes, der das Jahr 1648 längst nicht mehr erlebt hat. Der deutsche Komponist Samuel Scheidt lebte von 1587 bis 1608. Wir hören drei Verse aus "Veni creator spiritus", eine Anrufung des Geistes, die mit strengen Mitteln gearbeitet ist.

Orgel: Samuel Scheidt (1587-1608), "Veni creator spiritus" (3 Verse)

Das 17.Jahrhundert, von dem ich gesprochen habe, ist in seiner Intensität von kriegerischen Ereignissen und dem Durchbruch zu einer Friedensordnung eigentlich nur zu vergleichen mit dem Europa des 20.Jahrhunderts. Nach dem zweiten Weltkrieg fand das Muster von 1648 in gewissem Sinne seine Wiederholung. Das liegt daran, dass in Europa in der Zwischenzeit gleichsam die Nationen an die Stelle der Religionen getreten waren. Religion und Konfessionen hatte man zwar im Westfälischen Frieden einbinden können in eine staatliche und in eine völkerrechtliche Ordnung. Die Religion war damit säkularisiert worden, und eigentliche Religionskriege gab es seither in Europa nicht mehr. Aber vom ausgehenden 18.Jahrhundert an entstanden nach der französischen Revolution die Nationalstaaten, und im 19.Jahrhundert entwickelten diese immer mehr Formen aus, die eigentlich mit den Erscheinungsformen der Religionen vieles gemeinsam haben. Den religiösen Hymnen entsprachen die Nationalhymnen, Fahnen und Prozessionen sind ebenfalls vergleichbar, nur dienten sie jetzt der Verherrlichung der Nation, und nicht mehr der Religion. Es ist kein Zufall, dass die Errungenschaften des Westfälischen Friedens im 19.Jahrhundert weniger galten als zuvor, und dies wurde sogar offen ausgesprochen. Und so kam es in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu den beiden Weltkriegen, in welchen der Nationalismus genau so unheilvoll wirkte wie es dreihundert Jahre früher die Religion getan hatten. Nationen wurden genau so aggressiv wie früher die Konfessionen. Und auch das Bekenntnis spielte wieder die selbe Rolle, es war jetzt das Bekenntnis zur eigenen Nation, und nicht mehr zur Konfession.

Wenn ich sage, das Muster von 1648 erfahre heute seine Wiederholung, so meine ich, dass das Entsetzen über die Schrecken des zweiten Weltkrieges in Westeuropa genau den selben Friedensdurchbruch bewirkt hat wie seinerzeit 1648. Die beiden Entwicklungen sind insofern vergleichbar, als die Gründung und langsame Erweiterung der Europäischen Union nun die Nationen in eine übergeordnete, zunächst internationale und heute auch supranationale Ordnung einbindet. Heute weitet sich diese Einbindung sogar auf Mittelosteuropa aus, und ich glaube, dass es sehr wichtig ist, auch den kriegsversehrten Ländern im Balkan diese Perspektive zu eröffnen. Aber die zugrundeliegende Philosophie ist immer noch die selbe wie 1648. Deshalb spreche ich nicht nur von der Säkularisierung der Religion, welche in Europa 1648 stattfand, sondern ich spreche auch von der Säkularisierung der Nation, die seit 1945 in Europa stattfindet. Zwischen Nationalismus und gewaltorientierter Religionsausübung gibt es nicht nur die bereits erwähnten Parallelen in der Form der Riten und Zelebrationen. Auch dem Nationalismus liegt immer die Vorstellung des Auserwähltseins zugrunde, dasselbe also wie den Religionen vor ihrer Säkularisierung. Deshalb war es auch möglich, dass es nach der erfolgreichen Säkularisierung der Religion in Europa nochmals zu derart zerstörerischen Kriegen kommen konnte, in welchen die Nationen die Rolle übernahmen, welche vor 1648 die Religionen gespielt hatten. So gesehen könnte man sogar sagen, der westfälische Frieden habe erst nach 1945 seine effektive Umsetzung erfahren.

Das Wachsen der Europäischen Union, und die Rechtsgrundlage, welche dies ermöglicht, ist heute nicht nur die eindrücklichste Gesetzgebung für das Leben. Es ist auch die wirksamste Gesetzgebung für das Leben. Es ist ein rechtliches Gebilde, das immer weiter neu erfunden werden muss, weil es etwas derartiges noch nie gegeben hat. Die Zusammenarbeit verschiedener Staaten in einem so verbindlichen Rahmen, ohne dass aber diese Staaten ihre Eigenständigkeit aufgeben, das ist etwas Neues. Früher hatte es zwar gelegentlich grosse Reiche gegeben, bei den Römern, später in Europa wie bereits erwähnt kurz unter Karl dem Grossen, und dann nochmals später in Osteuropa das Zarenreich oder das osmanische Reich der Türken. Aber in all diesen Reichen waren die Dinge von oben klar geregelt, da blieb kein untergeordnetes Staatswesen selbständig, ausser vielleicht im osmanischen Reich die Religionsgemeinschaften, aber das hatte andere Gründe. Auch die Schweizerische Eidgenossenschaft wurde als ganzes zum Nationalstaat, die Kantone waren nur noch beschränkt eigenständig. Heute erleben wir ja in diesem Zusammenhang ganz interessante Entwicklungen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch zum Teil durch die Europäische Union inspiriert werden, wenn auch nicht direkt, so indirekt. Trotzdem soll an dieser Stelle auch betont sein, dass die Entstehungsgeschichte der Schweiz eigentlich in vielem jener der Europäischen Union gleicht. Aber mit der Ausnahme, dass aus Europa sicher nie ein Nationalstaat werden wird, wie es etwa die Vereinigten Staaten von Amerika sind. Neu ist an dieser Entwicklung in Europa die enorme Wichtigkeit der Gleichheit aller Beteiligten, und dass man miteinander reden muss, miteinander ringen muss, um zu Lösungen zu kommen, mit denen alle leben können. "Leben können", habe ich eben formuliert, alle müssen am Schluss damit leben können. Auch dies ist ein Anzeichen jeder Gesetzgebung für das Leben. Es ist ein ganz entscheidendes Merkmal von Lebens-Gesetzen, dass sie den Gedanken der Gleichheit verwirklichen, und dass sie jeden Absolutheitsanspruch ablehnen. Man muss miteinander reden, die verschiedenen Wahrheiten der Beteiligten müssen gegeneinandergestellt und gegenseitig abgewogen werden, gegenseitig ausdiskutiert, und es ist das Resultat dieses Ablaufes, mit welchem dann alle leben können.

Die Musik, die wir jetzt hören werden, stammt ebenfalls aus "Veni creator spiritus", sie wurde aber geschaffen von einem französischen Komponisten, Nicolas de Gringy, der von 1672 bis 1703 gelebt hat, hundert Jahre später als der Komponist der vorangehenden Musik. Das Stück trägt den Namen "Dialogue sur les Grands jeu", und die Anrufung des Geistes ist viel spielerischer, viel weltlicher.

Orgel: Nicolas de Gringy (1672-1703), aus "Veni creator spiritus", Dialogue sur les Grands jeu

Gleichheit und keine Absolutheitsansprüche, dies ermöglicht Gesetzgebungen für das Leben. Bis jetzt habe ich vor allem von den Staaten gesprochen, von ihrer Gleichheit und davon, dass sie selber keine absoluten Wahrheiten in die Welt setzen können, ohne sich mit den anderen Staaten darüber geeinigt zu haben. Es gibt aber auch die Gleichheit der Menschen, und diese Gleichheit setzte sich in der Geschichte erst etwas später durch als das Prinzip der Gleichheit der europäischen Staaten, nämlich in der französischen Revolution. Die Gleichheit der einzelnen Menschen wurde zuerst nur für die besitzenden Männer geschaffen, später erstreckte sie sich auch auf die nicht-besitzenden Männer. Wir wissen alle, dass die Frauen noch lange nicht in diesen Gleichheitsanspruch aufgenommen wurden, sie sind es heute immerhin theoretisch, aber weltweit in der Praxis noch lange nicht. So müssen wir denn vom Prinzip der Gleichheit der Menschen reden. Auch schon dieses Prinzip ist jedoch wichtig. Es sagt vor allem, dass alle Menschen die selbe Würde haben. Und das Prinzip sagt sogar, dass es meine eigene Würde gar nicht geben kann, solange ich diese selbe Würde nicht auch jedem anderen Menschen auf diesem Planeten zugestehe. Menschenwürde existiert nur als gleiche Würde aller Menschen.

Die französische Revolution, welche historisch betrachtet den Anfangspunkt setzte für den Durchbruch der Idee von der Gleichheit aller Menschen, ging aber auch durch schreckliche Phasen der Todesgesetzlichkeit hindurch. Das kann wohl am besten mit der Erfindung der Guillotine illustriert werden. Diese Hinrichtungsmaschine wurde damals durch einen Arzt erfunden, der es angesichts der Häufigkeit von Hinrichtungen nicht mehr mitansehen wollte, wie langwierig und für den Hinzurichtenden schmerzhaft diese Prozedur ablief. Mit dem Fallbeil sollte es rascher und schmerzloser geschehen. Die Revolution hatte in einer bestimmten Phase zu einer Art Blutrausch geführt, das Gesetz des Todes gewann die Oberhand. Revolutionen sind immer etwas gefährliches, und Europa wird noch sehr lange dafür dankbar sein können, dass die Revolutionen in Mittelosteuropa nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches so friedlich verliefen. Vielleicht darf es auch wieder einmal gesagt sein, dass dem Präsidenten Gorbatschow - wie immer man seine Leistungen auch beurteilen mag - diesbezüglich ein grosses Verdienst zukommt. Im entscheidenden Moment - und wenn man die Entscheidungsmacht auch wirklich hat - auf die Gewaltanwendung und den Krieg zu verzichten, das ist das grösste Verdienst, das sich ein Mann in der Politik erringen kann.

Die Völker in Südosteuropa hatten die Chance einer friedlichen Revolution nicht. Lange Jahre galt im Balkan an vielen Orten nur noch das Gesetz des Todes, und es ist auch heute noch nicht überwunden. Wohl nirgends sonst hat man in dieser Klarheit und mit solchem Erschauern analysieren können, wie direkt die Todesgesetzlichkeit auf das Verschwinden der Prinzips der gleichen Würde aller Menschen zurückgeführt werden kann. Wenn sich der Hass zwischen ethnischen Gruppen so konzentriert, dass Angehörige der anderen Gruppe gar nicht mehr als Menschen mit der jedem Menschen eigenen Würde angesehen werden, dann ist der Boden vorbereitet für die entsetzlichen Greueltaten, welche sich in den Balkankriegen der Neunziger Jahre ereignet haben. In dieser Sicht ist der andere Mensch kein Mensch mehr, weil er vollständig auf die Zugehörigkeit zur anderen ethnischen Gruppe reduziert wird, genau so wie die eigene Identität vollständig auf die Zugehörigkeit zur eigenen Volksgruppe reduziert wird. Der andere ist nicht mehr Mensch, sondern er ist Kroate oder Serbe oder Bosniake. Dies hat aber zur Folge, dass ich selber, wenn ich den anderen so reduziere, auch mich selber darauf reduziere, Kroatin, Serbin oder Bosniakin zu sein. Auch ich verliere mein Menschsein. Wenn wir bei allen Beteiligten vor allem das Menschsein sehen, so sind wir diesbezüglich gleich und könnten die selbe Menschenwürde haben. Reduzieren wir alle Beteiligten auf ihre ethnische Herkunft, so sind wir nur noch ungleich, und genau damit öffnen wir dem Gesetz des Todes die Tore. Das Prinzip der Gleichheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Würde aller Menschen.

Das andere Element, welches zur Todesgesetzlichkeit führen kann, ist der Absolutheitsanspruch. Auch in der französischen Revolution war es genau dieser Absolutheitsanspruch, der in den erwähnten Blutrausch ausartete. Die Revolution brachte den Durchbruch neuer Ideen, und es war auch ihre Aufgabe, dies zu bewirken. Aber die neuen Ideen waren vielfältig, sie standen zum Teil miteinander im Widerstreit. Und so kam es, wie es kommen musste: Sobald eine Gruppe ihre Wahrheit als die absolute deklarierte und nicht mehr bereit war, im Austausch mit Andersdenkenden darüber zu diskutieren, wie eine Wahrheit aussehen könnte, mit der alle leben könnten - in genau diesem Moment trat diese Todesgesetzlichkeit ein. Wenn eine Gruppe oder eine Person mit einem absoluten Wahrheitsanspruch die Macht erlangt, dann muss sie Andersdenkende liquidieren. Der Anspruch, die absolute Wahrheit zu vertreten, führt immer über kurz oder lang zur Forderung, dass sich alle auch zu dieser Wahrheit bekennen müssten, und sonst hätten sie kein Recht mehr zu existieren. Heute bezeichnen wird diese Haltung als fundamentalistisch.

Dies ist auch der Grund für den Unterscheid, den ich mache, indem ich im Zusammenhang mit dem Tod vom Gesetz rede, und im Zusammenhang mit dem Leben von der Gesetzgebung. Gesetzte macht man, man redet miteinander darüber, wie das Gesetz aussehen sollte, wenn alle damit sollen leben können. Wenn Gesetze Regeln für das Leben sind, kann man sie auch immer wieder ändern, auch da gibt es keine Absolutheitsansprüche. Absolutheit und Unabänderlichkeit können nur ganz wenige Grundsätze beanspruchen. Es sind jene wenigen, welche aus der Würde des Menschen selber abgeleitet werden.

Orgel: George Gershwin (1898-1937), "I got plenty" aus Porgy and Bess

Nun haben wir in der Musik nicht nur zeitlich einen Sprung gemacht, sondern auch örtlich, nämlich über den Atlantik. Wir hörten "I got plenty" aus Porgy and Bess von George Gershwin, der von 1898 bis 1937 in den Vereinigten Staaten lebte. In der Karwoche 2004 können wird dem Thema der Todesgesetze und der Gesetzgebung für das Leben nicht nahe genug kommen, wenn wir nicht auch das Geschehen jenseits des Atlantiks und seinen gegenwärtig Einfluss auf die Welt miteinbeziehen.

Natürlich kommt uns zu diesem Thema für die Vereinigten Staaten zunächst die Todesstrafe in den Sinn, welche in diesem Land nach wie vor ausgesprochen und vollstreckt wird. Sie ist aber nur der Ausdruck von etwas tiefer liegendem, welches die US-amerikanische Nation prägt, und das heute die Welt wie selten zuvor zu spüren bekommt. Ich kann nun nicht die ganze Geschichte dieser Nation nachzeichnen, und ich will das auch nicht. Nur soviel, dass die Anfänge dieser Nation auf die selbe Zeit zurückgehen, in welchen sich Europa zum Westfälischen Frieden durchgerungen hat. Viele Auswanderer in den Jahrhunderten seit dieser Zeit wollten in Amerika etwas Neues errichten, das besser ist als das Alte, wo immer sich dieses Alte befindet. In den Anfängen der Besiedlung Amerikas lag das Alte praktisch immer in Europa. Heute liegt es auf allen Kontinenten, welche die Einwanderer in die Vereinigten Staaten verlassen haben. Was die Einwanderer auch heute noch anstreben, soll aber nicht nur neu sein, es soll auch besser sein als das Alte. Deshalb hat diese Nation ein Sendungsbewusstsein, wonach sie dieses Bessere in die Welt hinaustragen müsse. Und deshalb auch kann sich die Todestrafe in diesem Land immer noch halten: Wenn eine Gesellschaft besser sein muss als alle anderen, dann muss sie das Schlechte auch in den eigenen Reihen dauernd bekämpfen. Und daraus entsteht das Bedürfnis, moralisch als besonders verwerflich apostophierte Personen öffentlich sichtbar zu vernichten.

Dieses "Weltbild des Besseren", wie ich es nennen möchte, hat seine Wurzeln auch in einer Vorstellung des Auserwählt-Seins, welche das religiöse Denken in den Vereinigten Staaten von Anfang an stark geprägt hat. Dieses religiöse Selbstverständnis hat sich auch und bis heute in der nationalen Identität vieler US-Aermikanerinnen und US-Amerikaner niedergeschlagen. Die US-Nation muss in diesem Verständnis besser sein als alle anderen, sie hat dazu nicht nur eine Berufung von höherer Warte, sondern sie hat - immer in dieser Sicht - auch eine Verpflichtung gegenüber etwas Höherem, welche letztlich nur noch moralisch oder religiös begründet werden kann. Und um diese Verpflichtung immer wieder neu zu bekräftigen, verlangt die nationale Identität in den Vereinigten Staaten auch immer wieder ein Bekenntnis zu dieser Nation. In Zeiten der Bedrohung verlangt sie sogar ein öffentliches Bekenntis, und wer dazu nicht bereit ist, kann noch bald des mangelnden Patriotismus' verdächtigt werden. Auch andere Länder sind gelegentlich von diesem Bekenntniszwang nicht ausgenommen. Der Satz " Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", wie er nach dem 11.September 2001 zu hören war, illustriert dies recht deutlich.

Aus all diesen Gründen steht dieses Weltbild des Besseren dem universalistischen Weltbild oder Menschenbild entgegen, wie wir es in Europa langsam entwickeln. Wenn alle Menschen gleich sind, gibt es keine moralisch besseren und moralisch schlechteren Menschen. Es gibt zwar Straftäter, aber dieses sind nur rechtlich strafbar, eine Würde als gleiche Menschen haben sie trotzdem. Sogar Terroristen haben eine Menschenwürde, und wenn wir ihnen diese absprechen, so sprechen wir auch uns selber die Menschenwürde ab. Auch das Prinzip der Gleichheit der Staaten verträgt sich mit einem "Weltbild des Besseren" viel weniger als mit einem universalistischen Weltbild nach europäischem Muster. Darum wollen die europäischen Staaten die UNO weiterentwickeln - auch wenn dies mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist -, und sie setzen sich für die Weiterentwicklung des Völkerrechtes ein, denn darin kommt auch das Prinzip der Gleichheit aller Staaten zum Ausdruck. Wenn es wirklich so ist, dass die Gleichheit eine unabdingbare Voraussetzung ist, damit sich eine Gesetzgebung für das Leben weiterentwickeln kann, so haben wir Europäerinnen und Europäer in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weltweit eine sehr grosse Arbeit vor uns.

Das Weltbild der Besseren hat aber noch eine andere Auswirkung. Es stellt zwar nicht einen direkten oder einen direkt sichtbaren Anspruch auf Absolutheit. Aber wenn denjenigen, die nicht ein Bekenntnis ablegen zur eigenen Wahrheit, direkt oder indirekt gesagt wird, sie hätten nichts begriffen, oder sie würden etwas Unwahres vertreten, so kann das eben auch in einen Absolutheitsanspruch ausarten. Dass der Islam seit Jahren von US-amerikanischen Autoren als unwahr und minderwertig apostrophiert wird, und dass der unsägliche Begriff eines "clash of civilisations" in die Welt gesetzt worden ist, genau das hat die Gesetzlichkeit der Todes auch beschleunigt, welche wir heute überall in der Welt mit Beklemmung beobachten. Wenn es wirklich so ist, dass der Verzicht auf Absolutheitsansprüche eine unabdingbare Voraussetzung ist, damit sich eine Gesetzgebung für das Leben weiterentwickeln kann, so haben wir Europäerinnen und Europäer in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weltweit auch diesbezüglich eine sehr grosse Arbeit vor uns.

Diese Arbeit darf aber nie darauf beruhen, dass wir ein Bekenntnis zu unserer Wahrheit verlangen. Wenn wir uns immer daran erinnern, was Bekenntnisse auf unserem Kontinent für Entsetzlichkeiten zur Folge hatten, dann wird es uns nicht schwerfallen, dies zu vermeiden. Ich meine das Bekenntnis zur Religion und zu den verschiedenen Konfessionen im 16. und 17.Jahrhundert, und das Bekenntnis zur Nation im 20.Jahrhundert. Wir Europäerinnen und Europäer können gar keine Bekenntnisse mehr wollen. Wir wollen nur den Dialog darüber, wie eine Wahrheit aussehen soll, die für alle eine Wahrheit sein könnte, und die deshalb zur einer Gesetzgebung für das Leben werden kann, ohne Absolutheitsanspruch, und nur für solange, bis wir sie wieder ändern, aber gemeinsam ändern, wiederum im Dialog aller Beteiligten.

Ich möchte für diesen weltweiten Dialog noch ein Beispiel anfügen zu den ganz wenigen Grundsätzen, die Absolutheit und Unabänderlichkeit beanspruchen können, weil sie aus der Würde des Menschen selber abgeleitet werden. Wenn wir mit Menschen aus einem Staat in einem anderen Kontinent im Dialog stehen, so werden wir nie akzeptieren, dass Mädchen und Frauen sexuell verstümmelt werden. Dies verbietet der absolut gültige Schutz der körperlichen Unversehrtheit jedes Menschen, sein Recht auf Leben und sein Schutz vor Folter. Wenn aber in einem solchen Staat darüber diskutiert wird, ob es nicht ein Menschenrecht ältere Leute sein könnte, auch im hohen Alter in ihren Familien und Sippen bleiben zu können, wenn sie dies wollen, und vor einer Unterbringung in einer kollektiven Institution geschützt zu sein, dann können wir das akzeptieren. Da dürfen wir unsere Gewohnheiten nicht absolut setzen. Zwischen den verschiedenen Kulturen muss vor allem darüber verhandelt werden, welche Grundsätze aus der Würde des Menschen kommen und deshalb absolut gelten. Es sind relativ wenige.

So komme ich zum Schluss, dass es letztlich wenige Dinge sind, die uns von Todesgesetzen zu einer Gesetzgebung für das Leben führen können. Es sind die Gleichheit aller Menschen in ihrer für alle gleichen Würde, die Gleichheit der Staaten und eine Stärkung dieser Gleichheit im Völkerrecht, der Verzicht auf die absolute Wahrheit, der Verzicht auf Absolutheitsansprüche, der Verzicht auf Bekenntnisse, und schliesslich das Festhalten an ein paar wenigen universal gültigen Grundsätzen, die sich aus der gleichen Würde aller Menschen ergeben. Zugegeben, das ist eine europäische Sicht. Aber Europa hat im Verlauf der vergangenen Jahrhundert so viel Leiden erlebt, Europa hat auch selber so viel Leiden verursacht in anderen Kontinenten, und Europa hat dadurch so viel Schuld auf sich geladen, dass diesem alten Kontinent heute aus seiner Geschichte auch eine Verantwortung ergibt. Europa ist nicht nur gekreuzigt worden, Europa hat auch in grossem Ausmass gekreuzigt. Aber die Verantwortung Europas kommt nicht von einer höheren Warte. Sie kommt ganz einfach aus der Geschichte und aus dem Lernprozess durch diese Geschichte.

Die Karwoche untersteht dem Gesetz des Todes. In einem übertragenen Sinne mag uns das Geschehen um Karfreitag und Ostern vielleicht auch zeigen, dass man das Gesetz des Todes kennen muss, es erkennen muss, es nicht unbedingt selber erlebt haben muss, aber es immerhin analysiert und studiert haben sollte, wenn man den Weg unter die Füsse nehmen will, der zu Gesetzgebungen für das Leben führen kann. In diesem Sinne hören wir jetzt zum Ausklang eine Bearbeitung des Chorals "Komm Gott, Schöpfer, Heiliger Geist", von Johann Sebastian Bach. Er lebte von 1685 bis 1750, er ist der Altmeister der Kirchenmusik - und nicht nur der Kirchenmusik- in Europa. Eigentlich möchte ich an dieser Stelle lieber sagen, er sei der Altmeister im "alten" Europa, und das meine ich nicht geografisch, sondern geistesgeschichtlich, durchaus mit Bezug auf den Westfälischen Frieden. Es ist dieses Europa, zu dem wir alle gehören, das heute eine so grosse Verantwortung mit sich herumträgt. Verantwortung trägt sich leichter, wenn sie von schöner Musik umrahmt wird.

Orgel: Johann Sebastian Bach (1685-1750), Choralbearbeitung "Komm Gott, Schöpfer, Heiliger Geist"


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