Gret Haller

 

GEWALT ­ EINE MÄCHTIGE HERAUSFORDERUNG

Predigt am Kirchensonntag 1.Februar 2004 im Berner Münster


 

Der heutige Kirchensonntag steht unter dem Thema "Gewalt ­ eine mächtige Herausforderung". Mächtige Herausforderungen verlangen nach machtvollen Antworten. Nun werden vielleicht einige fragen, ob denn Macht nicht etwas Schlechtes sei. Nein, Macht ist nichts Schlechtes. Macht hat es immer gegeben und es wird sie immer geben. Es kommt nur darauf an, wozu man sie einsetzt. Wer keine Macht will, ist ohnmächtig. Da würde ich meinen, es sei doch besser, Macht zu wollen und diese für etwas Sinnvolles einzusetzen. Die am nachhaltigsten wirksame Macht ist bekanntlich die Liebe. Nicht nur jene zwischen zwei Menschen, die sich auch als wenig nachhaltig erweisen kann. Aber es kann die Liebe zur Menschheit sein. Oder die Liebe zu Gott. Oder die Liebe zur Weisheit.*) Aber lassen wir das, und wenden wir uns nun der machtvollen Antwort zu, nach der es heute zu suchen gilt. Oder ich möchte es etwas bescheidener formulieren: Versuchen wir, wenigstens einen kleinen Teil zu dieser machtvollen Antwort beizutragen.

Die Frage, die das Thema des heutigen Kirchensonntags an uns richtet, sie heisst: Wie, auf welche Weise, kann Gewalt überwunden werden? So lautet auch das Thema der vom Oekumenischen Rat der Kirchen ausgerufenen Dekade zur Ueberwindung der Gewalt, in die sich der heutige Kirchensonntag einfügt. Und da werden wir zunächst einmal fragen: Woher kommt sie denn, die Gewalt ? Haben die verschiedenen Gewaltanwendungen eine gemeinsame Wurzel ? Ich habe mich gefragt, ob Gewaltanwendungen letztlich oft darauf zurückzuführen sind, dass sich Menschen in ihrer Würde verletzt fühlen. Es könnte nämlich sein, dass verletzte Würde Gewaltbereitschaft hervorruft. Auf diesen Gedanken bin ich nicht etwa gekommen, weil ich nach Rechtfertigungsgründen für die Gewalt suche, ganz im Gegenteil. Ich suche nach Mitteln, die Gewalt zu überwinden. Aber wenn ich eine Sache überwinden möchte, so muss ich zunächst fragen, woher diese Sache kommt, was sie verursacht.

Vorerst möchte ich klarstellen, wovon ich hier nicht rede. Es gibt eine Gewalt, die nichts mit Würde zu tun hat. Wenn ein Kind das Spielzeug eines anderen haben will, und es beschafft sich dieses mit Gewalt, weil sich das andere Kind handgreiflich zur Wehr setzt, dann wird die Gewaltanwendung als Mittel zum Zweck in Kauf genommen. Das ist jedoch nicht Gewalt um der Gewalt willen. Wenn ein Einbrecher überrascht wird, den Ort fluchtartig verlässt und dabei den Revolver benützt, den er nur für diesen Fall mitgenommen hat, dann ist auch das nicht Gewalt um der Gewalt willen. Oder wenn ein Staat seine Grenzen zulasten eines anderen Staates verschiebt, weil er etwas grösser werden möchte, dann ist auch da der Krieg ein Mittel zu einem anderen Zweck. Auch diese Gewalt will ich keineswegs rechtfertigen, all dies ist höchst verwerflich. Aber die Methoden sind klar, wie man dieser Sorte von Gewaltanwendung zu Leibe rücken kann, nämlich durch das Strafrecht, welches Tätlichkeiten verbietet, und durch eine internationale Ordnung, welche Interessendurchsetzung durch kriegerische Handlungen verbietet.

Viel schwieriger ist die Ueberwindung jener Gewalt, die um der Gewalt selber willen ausgeübt wird. Und wenn ich Gewaltanwendung in einen Zusammenhang gebracht habe mit Würde, so meine ich diese Gewalt. Es ist eine Gewaltanwendung, die aus Rachegedanken entsteht. Wer in diesem Sinne Gewalt anwendet, Gewalt um der Gewalt willen, der geht davon aus, dass durch die Gewaltanwendung die eigene Würde wiederhergestellt werden kann. Diese Vorstellung ist natürlich ein Irrtum. Denn die so motivierte Gewaltanwendung muss ihrerseits wiederum dazu führen, dass Würde verletzt wird, und zwar die Würde derjenigen, gegen die sich die Gewalt richtet. Genau in dieser Absicht wird diese Gewalt ja auch ausgeübt, sie soll die Würde des Angegriffenen verletzten. Und der Wille, diese Würdeverletzung herbeizuführen, ist nur deshalb so stark, weil der Angreifer zuvor die Verletzung der eigenen Würde erlebt hat. Weil er erlebt hat, wie schmerzhaft das ist. Wie Du mir, so ich Dir, lautet eine Kurzformel für diesen Vorgang. Auge um Auge, Zahn um Zahn, heisst es etwas archaischer ausgedrückt. Diese Gewalt ruft unweigerlich Gegengewalt hervor. Ihr Ziel war es ja gerade, die Würde der Angegriffenen zu verletzen, und das erreicht sie auch meistens, denn sie zwingt dem Angegriffenen das selbe Verständnis von Würde auf, von dem der Angreifer ausgeht. So einsteht eine Spirale der Gewalt, die sich immer weiter dreht.

Was aber ist das für ein Verständnis von Würde ? Menschenwürde ist etwas individuelles. Jeder Mensch hat sein Würde, die ihm angeboren ist, und die man ihm nicht wegnehmen kann. Und jeder Mensch auf diesem Planeten hat die selbe Menschenwürde, ungeachtet seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seines Geschlechtes, seiner Nationalität, seines Besitzes, seines Alters, seines Zivilstandes, seines Wohnortes - oder seines Fluchtweges - und des Kontinentes, auf welchem er sich befindet. Menschenwürde ist untrennbar verbunden ist mit dem Begriff der Gleichheit. Nur als gleiche Würde aller Menschen gibt es überhaupt Menschenwürde. Auch meine eigene Würde als Individuum gibt es nur insoweit, als allen Menschen diese selbe Würde als Individuen ebenfalls zukommt. Menschenwürde ist also gleichzeitig etwas Individuelles und etwas Universelles. Und diese beiden Eigenschaften bedingen sich gegenseitig: Ohne Universalität gibt es keine Individualität, und ohne Individualität gibt es keine Universalität.

In diesen Ueberlegungen liegt nun auch einer von verschiedenen Schlüsseln, die man braucht, um die erwähnte Gewaltspirale aufzubrechen. Der Irrtum jener, die meinen, man könne die eigene Würde dadurch wiederherstellen, dass man gegen die Uebeltäter gewalttätig wird, dieser Irrtum besteht darin, dass sie von einem falschen Verständnis der Würde ausgehen, von einer Würde, die es gar nicht gibt. Sie teilen die Welt nämlich ein in die Einen und in die Anderen. Sobald man einteilt in die Einen und die Andern, verschwindet die Menschenwürde. Wenn ich die eigene Würde zu retten versuche, indem ich die Würde der Anderen angreife und vermindern will, dann vermindere ich damit auch die Würde meiner eigenen Gruppe. Denn Menschenwürde ist individuell, und sie ist universal. Und die beiden Eigenschaften bedingen sich gegenseitig.

Im Grund genommen ist es dieses Gruppendenken, welches dem Individualismus und dem Universalismus der Menschenwürde entgegensteht. Wenn die Würde nicht mehr dem einzelnen Menschen zugeschrieben wird, sondern einer Gruppe von Menschen als Kollektiv, dann entstehen die Vorbedingungen für Gewaltanwendung, weil der Universalimus der Menschenwürde verloren geht. Wenn die Würde nicht mehr dem einzelnen Menschen zugeschrieben wird, sondern zum Beispiel einer Nation, oder vor allen anderen Menschen nur noch jenen, die dieser Nation angehören, dann kann diese Nation gewalttätig werden. Wenn die Würde nicht mehr dem einzelnen Menschen zugeschrieben wird, sondern einer Religion, oder vor allen anderen Menschen nur noch jenen, die dieser Religion angehören, dann kann diese Religion gewalttätig werden. Wenn die Würde nicht mehr der einzelnen Frau zugeschrieben wird, sondern ihrem Mann oder ihrer Sippe, dann entstehen die Voraussetzungen für Gewaltanwendung, Gewalt des Mannes gegen die Frau, Gewalt von aussen gegen die Frau, und Gewalt der Sippen gegeneinander. Und wenn die Welt eingeteilt wird in "Gut" und "Böse", dann entstehen genauso die Vorbedingungen für Gewaltanwendung, denn die "Guten" gehen davon aus, dass sie mehr Würde hätten als die "Bösen".

Vieles von dem, was wir heute an Gewalt erleben oder sehen, sei es bei uns oder sei es weltweit, geht auf dieses falsche Verständnis von Würde zurück. Es ist ein Verständnis von Würde, welches einteilt in die Einen und die Anderen. Leute mit diesem falschen Verständnis von Menschenwürde sagen häufig "Wir" und die Andern. Dieses "Wir"-Gefühl, diese Gruppen-Identität kann etwas Gefährliches werden, sobald sie nicht mehr eingebunden ist in den Individualismus und den Universalismus der Menschenwürde. Natürlich brauchen wir alle ein "Wir"-Gefühl, eine Geborgenheit in einer oder verschiedenen Gruppen. Jeder Mensch hat dieses romantische Grundbedürfnis der Zugehörigkeit zu etwas Besonderem. Das kann ein Freundeskreis sein oder die Familie, in Liebesbeziehungen erleben viele dieses Besondere, es kann die Identität eines Berufsstandes sein, es können Arbeitsbeziehungen sein, eine besondere Zugehörigkeit kann ebenso in der Religion erlebt werden, und auch die Identität in einer Nation gehört zu diesen besonderen Zugehörigkeiten, die ich eben als romantisches Grundbedürfnis bezeichnet habe. All dies gehört in die selbe Waagschale der emotionalen Geborgenheit, welche sich auf der einen Seite einer Waage befindet. Auf der anderen Seite der Waage braucht es aber ein Gegengewicht. Auf der anderen Seite der Waage befindet sich ebenfalls eine Waagschale, und in dieser finden wir alles, was nötig ist, um dafür zu sorgen, dass diese verschiedenen besonderen Zugehörigkeiten nicht plötzlich umkippen können in ein "Wir"-Gefühl, welches einteilt in "Wir" und die Anderen. In dieser zweiten Waagschale finden wir die allgemeine Ordnung, die auf das Individuum abstellt und alle Menschen gleichbehandelt. Wir finden auch das Recht, die Rechtsstaatlichkeit, hierhin gehört auch der Staat selber, die Staatlichkeit in ihren verschiedenen Ausprägungen, Stadt, Kanton, unser Staat, aber auch die europaweite Ordnung und schliesslich die - wenn auch noch schwache - Ordnung der Vereinten Nationen und das internationale Recht. Kurz gesagt findet sich in dieser Waagschale das öffentliche Interesse. Wenn ich die erste Waagschale als jene der Emotionen bezeichnet habe, so ist dies nun die Waagschale der Vernunft. Individualismus und Universalimus sind auf dieser Waagschale der Vernunft zu Hause. Die individuelle Menschenwürde, so wie wir sie heute definieren, ist ein Kind der Aufklärung. Deshalb ist die Menschenwürde auf dieser Waagschale zu Hause, auf der Waagschale der Aufklärung, der Vernunft und der Ordnung.

Zunehmende Gewalt kommt auch dann in die Welt, wenn diese Waage aus dem Gleichgewicht gerät. Es ist Mode geworden, den Staat zu verteufeln und auf nationale Identität zu pochen, auch bei uns ist das Mode geworden. Das bringt die Waage aus dem Gleichgewicht. Es ist Mode geworden, Politik nur noch als Vertretung von Gruppeninteressen zu verstehen, neben dem es ein öffentliches Interesse gar nicht mehr gibt, welches von allen Individuen getragen wird. Auch bei uns ist das Mode geworden. Oder es geht nur noch um die Interessen einzelner Nationen. Daran ist zum Beispiel das letzte Gipfeltreffen der Europäischen Union gescheitert, und auch so etwas bringt die Waage aus dem Gleichgewicht. Auf weltweiter Ebene gerät die Waage aus dem Gleichgewicht, wenn ein Land seine national geprägten Wertvorstellungen an die Stelle der internationalen Ordnung setzen will, welche von den Staaten vereinbart worden ist. Und vollends gerät die Waage aus dem Gleichgewicht, wenn die Welt eingeteilt wird in "gut" und "böse", denn dies ist die Voraussetzung par exellence für Gewaltanwendung. Die Menschenwürde verschwindet, und die Aufklärung wird vertrieben durch gewaltorientierte Gruppen-Romantik. Die Waage kippt letztlich zur Seite.

So gesehen können wir selber einiges beitragen zur Ueberwindung der Gewalt. Wir können die Waage im Gleichgewicht halten, jene in uns selber, aber auch jene in den Verhältnissen um uns herum. Wir können es ablehnen, alles nur noch unter dem Aspekt der Gruppen-Identität zu sehen. Das bedeutet, dass wir vom einzelnen Individuum ausgehen. Und wenn uns dabei alle Individuen gleich wichtig sind, nicht nur jene, die zufälligerweise der selben Gruppe angehören wie wir selber, der selben Familie, der selben Herkunft, der selben Ueberzeugung, der selben Nation, - wenn uns alle Individuen gleich wichtig sind, dann handeln wir bereits universalistisch. Oder genauer gesagt, wir handeln individualistisch und universalistisch. So einfach ist es, den Grundgedanken der Menschenwürde umzusetzen. So einfach ist es, zur Ueberwindung der Gewalt beizutragen, und wenn es auch nur im Kleinen geschieht. Ich bin überzeugt, dass diese Grundeinstellung - wenn sie sich unter immer mehr Menschen verbreitet - einen wichtigen Beitrag leistet zu der machtvollen Antwort, nach der wir am heutigen Kirchensonntag suchen.

Zum Ausklang meiner Betrachtungen erklingt nun die Fuge von Johann Sebastian Bach, deren zugehöriges Präludium wir unmittelbar zuvor gehört haben.**) Diese Musik geht wie keine andere von einer ganz klaren Ordnung aus. Gewaltanwendung ist auch Unordnung. Es gibt kaum etwas Unordentlicheres als den Krieg. Unser Kulturkreis hat den Krieg über Jahrtausende hinweg ästhetisch verherrlicht. Noch heute meinen manche Leute, Frieden sei langweilig und Gewaltanwendung sei berauschend. Sie vermuten, Ordnung sei letzlich langweilig. Ich glaube, das ist nicht so. Der Aufbau einer Fuge von Bach folgt einer klaren Ordnung, und gerade weil die einzelnen Linien so klaren Gesetzen gehorchen, klingt ihr Zusammenwirken dann so berauschend. Bedeutet dies vielleicht, dass nur die Aufklärung die Romantik überhaupt gewaltfrei erlebbar machen kann ? Jedenfalls kann eine Fuge von Bach - wenn man so will - auch ein Sinnbild dafür sein, dass Frieden - auf der Basis einer ganz klaren Vernunftordnung - letztlich berauschender ist als Krieg.

 

Kirchensonntag vom 1.Februar 2004 im Berner Münster: Jürg Welter (Liturgie), Heinz Balli (Orgel)

*) Der Predigt vorangegangen war Salomos Gebet um Weisheit (Weisheit 9, 1-18) sowie die Lesung zur Rolle der Weisheit in der Schöpfungsgeschichte (Sprüche 8, 1-31)

**) Präludium und Fuge in C-Dur, BWV 545


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