| Gret Haller |
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DIE POLITISCHE DIMENSION VERSCHIEDENER FUNDAMENTALISMEN IM US-AMERIKANISCHEN DENKEN in Elisabeth Rohr / Ulrike Wagner-Rau / Mechthild M. Jansen (Hg.), "Die halbierte Emanzipation? Fundamentalismus und Geschlecht", Königstein/Taunus 2007 |
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In Europa scheinen mir zur Zeit vor allem zwei fundamentalistischen Strömungen wirksam zu sein, die eine recht sichtbar und auch öffentlichwirksam, die andere weniger direkt wahrnehmbar aber nicht weniger öffentlichkeitswirksam. Die erstere hat ihren Ursprung im Islam, die zweitgenannte hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Der islamische Fundamentalismus meist Islamismus genannt ist spätestens seit dem 11. September 2001 zum breit diskutierten Thema geworden. Seit dem Frühjahr 2003, dem Beginn des Irak-Krieges, nehmen zwar viele Menschen wahr, daß auch von den Vereinigten Staaten eine Form von Fundamentalismus ausgeht. Nur selten wird er aber als das bezeichnet. Für die einen sind diese Phänomene zu neu, für andere ist die Vorstellung zu schmerzlich, daß die Geborgenheit in einer Wertegemeinschaft der westlichen Welt gefährdet sein könnte. Vor allem in ihrem Zusammenwirken können die beiden Strömungen für Europa jedoch brisant werden. Beizufügen ist vorweg, dass der Fundementalismus islamischen Ursprungs ein religiöser ist, während jener aus den Vereinigten Staaten zwar auch religiöse Wurzeln hat, sich aber heute vor allem kulturell manifestiert. Dass ich mich in den letzten sechs Jahren mit den Wert-Unterschieden zwischen den Vereinigten Staaten und Europa befasste, war in meinem Leben keineswegs vorgezeichnet. Effektiv habe ich mir bis zum Jahre 1996 kaum vorstellen können, dass es da so grosse Unterschiede überhaupt geben könnte. Aber während meiner Tätigkeit in Bosnien von 1996 bis 2000 war ich mit US-amerikanischen Denk- und Vorgehensweisen konfrontiert, die mir als mit der europäischen Tradition unvereinbar erschienen. Damals hätte ich es nicht für richtig gehalten, sie mit dem Begriff Fundamentalismus zu bezeichnen, denn es handelt sich vor allem um ein unterschiedliches Rechts- und Staatsverständnis. Die Zuspitzung durch die Irak-Krise machte mir jedoch klar, daß der Begriff des Fundamentalimus auf einige der damals beobachteten Denkstrukturen zutrifft, die erst jetzt weltweit sichtbar geworden sind. Weil ich die Chance hatte, mich lange vor dem Frühjahr 2003 mit diesem Thema zu befassen, kann ich mich heute damit ohne Berührungsängste auseinandersetzen. Nach wie vor habe ich aber großes Verständnis für die Ängste von Menschen in Europa, sich solchen Fragen zu öffnen. Zu gut erinnere ich mich an die lange Zeit der eigenen Verunsicherung, die verstreichen mußte, bis ich als Kind des Kalten Krieges bereit war, meinem Verstand zu folgen und einzusehen, daß der »Westen« keine Wertegemeinschaft mehr ist und möglicherweise nie eine war. Kultureller Fundamentalismus Nun zum Inhaltlichen. Was meine ich eigentlich mit Fundamentalismus? Wenn wir uns mit dem islamistischen Fundamentalimus befassen, meinen wir einen religiös motivierten Fundamentalismus. Was nun aber die Vereinigten Staaten anbelangt, analysiere ich in meinem letzten Buch nicht den religiösen Fundamentalismus. Vielmehr rede ich - wie bereits erwähnt - von kulturellem Fundamenatlismus. Mit kulturellem US-Fundamentalismus assoziieren Europäerinen und Europäer wohl zuerst die Kontroverse zwischen dem US-amerikanischen und dem französischen Kulturschaffen. Oder es kommt ihnen die weltweite Ausbreitung der Coca-Cola-Kultur in den Sinn. Ich meine mit kulturellem Fundamentalimus jedoch etwas weitergehendes: Kultureller Fundamentalismus bedeutet, daß eine Kultur den Anspruch auf Alleingültigkeit stellt und versucht, andere kulturelle Ausgestaltungen zu verdrängen und zu ersetzen. Mit diesem weit über das Kulturschaffen im engeren Sinne hinausgehenden Kulturbegriff ist die Organisation der Gesellschaft in allen Bereichen gemeint. Weltweit wird der kulturelle Fundamentalismus der Vereinigten Staaten vor allem wirtschaftlich wahrgenommen. Die Ausbreitung des US-amerikanischen Wirtschaftsmodells ist Teil der Globalisierung. Militärische Interventionen der Vereinigten Staaten können nicht unmittelbar als Teil dieses kulturellen Fundamentalismus bezeichnet werden, sondern sie sind lediglich ein Mittel zu diesem Zweck. Sie sind immer als möglichst kurzfristige und vorübergehende Aktionen geplant, auch wenn es - wie wir inzwischen wissen - oft anders ausgeht. Ich möchte nun einige Aspekte des Einwirkens von US-amerikanischem kulturellen Fundamentalismus auf Europa nennen. Die Thematisierung dieser Fragestellung ist wie bereits erwähnt bei vielen Europäerinnen und Europäern nach wie vor mit Ängsten verbunden. Das ist insofern nicht erstaunlich, als es während des Kalten Krieges in Westeuropa aus verständlichen Gründen unmöglich war, solche Fragen angesichts der Bedrohungslage nur im entferntesten in Betracht zu ziehen. In Mittelosteuropa verboten sich solche Gedanken aus ähnlichen Gründen, wenn auch im umgekehrten Sinne. Außer in Bereichen des Kulturschaffens im engeren Sinne Stichwort »Hollywood« wird nicht nur weltweit, sondern auch in Europa der kulturelle Fundamentalismus der Vereinigten Staaten vor allem im wirtschaftlichen Bereich wahrgenommen. Die Übernahme von Elementen des US-amerikanischen Wirtschaftsmodells in Europa erfolgt zum Teil aus der Überzeugung heraus, daß dies eine richtige und sinnvolle Entwicklung sei, zum Teil aus der Einsicht, daß ein anderer Weg angesichts der Globalisierungszwänge gar nicht offenstehe. Was die historische Entwicklung der wirtschaftlichen Freiheit anbelangt, sind die europäischen und die US-amerikanischen Wurzeln weitgehend dieselben. Marktwirtschaft und Nationalstaat haben sich gleichzeitig und aus derselben Konstellation heraus entwickelt, als die Geschichte ins Zeitalter der Moderne eintrat. Unterschiede ergaben sich nur insofern, als die Verschränkung von wirtschaftlichen und religiösen Vorstellungen jenseits des Atlantiks zu einer anderen Trennlinie zwischen Staatlichkeit und Markt geführt hat als in Europa, wo diese Verschränkung der beiden Vorstellungen unterblieb. Dieser Unterschied hat weit zurückreichende historische Gründe, die ich nun in einem kurzen Exkurs näher erläutern möchte. Zuvor aber noch eine Klarstellung und Eingrenzung, die mir wichtig ist. Ich werde nicht eine umfassende und eingehende Darstellung vom Umgang der USA mit religiösen Belangen geben. Das Innenverhältnis der Vereinigten Staaten steht nicht zur Diskussion. Es geht nur um das Aussenverhältnis, genauer gesagt um die Frage, inwieweit die Religion die US-amerikanische Aussenpolitik beeinflusst. Und es geht natürlich um die Unterschiede zu Europa. Erwarten Sie von mir also keine umfassende Darstellung der US-amerikanischen Verhältnisse. Es geht hier um etwas Anderes. Trennung von Religion und Politik Nun zum angekündigten historischen Exkurs: Von Mitte des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts wurde Europa von Religionskriegen erschüttert, kulminierend im Dreissigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Hundert Jahre Krieg führten in Europa dazu, dass praktisch ein Drittel der gesamten Bevölkerung eines gewaltsamen Todes starb. Aufgrund dieser Erfahrung vereinbarten die damaligen Könige und Fürsten 1648 im Westfälischen Frieden, es dürfe in Europa nie wieder aus religiösen Gründen Krieg geführt werden. Im deutschen Reich wurden die drei Grosskirchen der Katholiken, der Lutheraner und der Reformierten gleichgestellt. Damit wurde der Absolutheitsanspruch der Religion, welcher die Kriege ausgelöst hatte, begrenzt und definitiv überwunden. Die Einbindung der Religion in die staatlichen Ordnungen - also die definitive Säkularisierung - wurde europaweit festgeschrieben, die Staaten verpflichteten sich gegenseitig dazu.(1) In der Französichen Revolution 1789 wurden König und Adel zugunsten des Volkes entmachtet, aber auch den Geistlichen wurde der politische Einfluss aberkannt. Es wurde eine ganz strikte Trennung von Kirche und Staat eingeführt, die noch heute unter dem Begriff der „Laicitée“ bekannt und wirksam ist. Damit wollte man sicherstellen, dass die Geistlichen auf die Politik keinen Einfluss mehr nehmen konnten. In diametral umgekehrter Richtung ging die Entwicklung in Amerika, und zwar begann das schon im 17.Jahrhundert. Als damals die große Auswanderung über den Atlantik begann, spielten die Puritaner eine wichtige Rolle. Sie gingen davon aus, dass ihre Religionsgemeinschaften die öffentliche Ordnung schlechthin darstellten. Deshalb brauchten sie gar keinen Staat, lehnten diesen kategorisch ab und befürworteten stattdessen die Theokratie im Sinne eines Gottesstaates. Weil sie in England scheiterten, beschlossen sie, ihre Pläne in Amerika umzusetzen. Ihnen folgten schon bald andere Religionsgemeinschaften, die sich - was die öffentliche Ordnung anbelangte - ebenfalls an den Vorstellungen der Puritaner orientierten.(2) Von Anfang an gab es in vielen der in Amerika entstandenen Kommunen eine Art von Demokratie. Die demokratische Mitwirkung war aber gebunden an die Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft. Dass in Amerika diese Entwicklung einsetzte, nachdem Europa durch den Westfälischen Frieden die Religion ein für allemal der Staatlichkeit untergeordnet hatte, ist kein Zufall. Es war nämlich diese Rangfolge zwischen Staat und Religion, welche viele Auswanderer nach Amerika nicht akzeptieren wollten, jedenfalls jene, welche aus religiös-weltanschaulichen Gründen emigrierten. Sie wollten eine Antithese schaffen zu dem als gottlos empfundenen Europa. Religion durfte keiner wie immer gearteten Staatlichkeit unterworfen werden. Dem Schutz der Religion vor staatlicher Bevormundung dient in den Vereinigten Staaten eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Während in Frankreich durch diese Trennung der Staat vor dem Einfluss der Religion bewahrt werden soll, dient die Trennung jenseits des Atlantiks umgekehrt dazu, die Religion vor jeglichem Einfluss des Staates zu beschützen. „Trennung von Kirche und Staat“ ist somit nicht gleichbedeutend mit „Trennung von Religion und Politik“. In Frankreich wurden Kirche und Staat in der Absicht getrennt, Religion und Politik auseinanderzuhalten. In den Vereinigten Staaten werden Kirche und Staat in der Absicht getrennt, Religion ungehindert in die Politik einfliessen zu lassen.(3) Die religiöse Begründung der Nation Als die französische Revolution begann, war die amerikanische Revolution bereits mit der Gründung der Vereinigten Staaten 1778 beendet. Dabei ging es um etwas ganz anderes als in Europa. In Amerika musste ein Staat erst geschaffen werden, und dies ohne ein Staatsvolk mit gemeinsamer Herkunft, denn die Bewohner des Landes waren individuell aus verschiedenen Herkunftsländern eingewandert. Um eine gemeinsame Identität zu schaffen, wurde auf die allen Einwanderern gemeinsame Suprematie des Religiösen zurückgegriffen und die US-Nation religiös untermauert.(4) Diese Ausgangslage führte dazu, dass sich die US-amerikanische Nation anders definiert als die Nationen in Europa, obschon es sich formal beidseits des Atlantiks um Nationalstaaten handelt. Bei der Begründung von Nationalstaaten in Europa stand den Nationen eine religiöse Untermauerung nicht offen, nachdem die Einbindung der Religion in die Staatlichkeit schon mehr als ein Jahrhundert früher stattgefunden hatte. Die religiöse Begründung der US-Nation kommt unter anderem darin zur Geltung, dass sich die Vereinigten Staaten als eine von Gott auserwählte Nation betrachten. Heute äussert sich dies vor allem auch in moralischen Kategorien, indem diese Nation gleichsam für „das Gute“ in der Welt steht. Sie hat von Anfang an den Anspruch an sich gestellt, die Dinge besser zu machen als die anderen Nationen. Und das Gute, das in dieser Nation verwirklicht ist, muss auch in die Welt hinausgetragen werden: Die US-Nation hat eine klare Mission. Das muss nicht ein Auftrag von Gott sein, wie es offenbar der gegenwärtige US-Präsident ab und zu formuliert.(5) Auch viele nicht besonders religiöse - also durchaus liberale - Amerikaner gehen davon aus, dass ihr Land eine Mission in der Welt habe, weil das Gute auf ihrer Seite liege, also aufgrund einer Art moralischer Ueberlegenheit. Dass wir analoge Erscheinungen - und zwar noch viel ausgeprägter! - im islamistischen Selbstverständnis finden, darf uns nicht erstaunen. Nicht umsonst sind diese beiden Pole die Hauptgegenspieler im dem Geschehen, das vor mehr als zehn Jahren vorausschauend als „clash of civilisations“ bezeichnet worden ist. Nun möchte ich aber zurückkommen auf das Gute, für das die US-Nation steht, also auf die grosse Bedeutung moralischer Kategorien im US-nationalen Selbstverständnis. Hier liegt nämlich auch der Ansatzpunkt für die besondere Rolle, den die Frauen in den Vereinigten Staaten gespielt haben. Inwieweit es heute immer noch eine besondere Rolle ist, lasse ich einmal offen. Aber historisch ist diese Rolle jedenfalls von einiger Bedeutung. "Feminisierung" der Tugend Die Gründung der Vereinigten Staaten basierte auf einer Form des Republikanismus, der eine eigene amerikanische Mischung darstellt. Klassische republikanische Elemente verbanden sich mit der Gesellschaftstheorie der Schottischen Aufklärung, Puritanismus und Liberalismus.(6) Darin spielte der Begriff der Tugend eine grosse Rolle. Während sich der Tugendbegriff des klassischen Republikanismus im Sinne der "civic virtue" an der Oeffentlichkeit orientierte, erfolgte schon bald eine Verlagerung der Akzente vom Staat weg und hin zu Wirtschaft und Gesellschaft, also zur Privatsphäre. Damit wird die "civic virtue" "civil virtue", in deren Förderung den Frauen eine ganz wichtig Rolle zugeschrieben wird. Politisch sah man die Frauen nicht als der Mitwirkung fähig an, hingegen in Fragen der Erziehung der künftigen Staatsbürger wurden sie als die entscheidenden Akteurinnen betrachtet. Man spricht zur Kennzeichnung dieses Vorganges auch von einer „Feminisierung“ der Tugend, die in den Vereinigten Staaten genau in dem Moment zum Tragen kommen konnte, als die Tugend nicht mehr als staatstragend, sondern der Privatsphäre zugehörig erachtet wurde.(7) Diese Entwicklung hat auch einen praktischen Hintergrund in der gesellschaftlichen Entwicklung. Im Zuge der Industrialisierung arbeiteten viele Männer nicht mehr länger in der Landwirtschaft, sondern sie wandten sich der gewinnbringenderen Lohnarbeit zu. Das Haus, das lange Zeit das Zentrum der ökonomischen Aktivität beider Geschlechter gewesen war, wurde nun zur Domäne der Frau. Diese wird nun zum Ort der nicht-kommerziellen Aktivität und der mitmenschlichen Fürsorge, und damit stellt sie eine Gegenwelt dar zur männlichen, von Macht- und Konkurrenzkämpfen beherrschten Domäne der Politik und der Wirtschaft. Während des Revolutionskrieges wurden den Frauen Aufgaben übertragen, die bis zu diesem Zeitpunkt ausschliesslich Männern vorbehalten gewesen waren. Die Kompetenzen, die sie sich dadurch erwarben, verschafften ihnen in der Gesellschaft eine neue Wertschätzung. Darüber hinaus ist es aber auch das US-amerikanische Gesellschaftsverständnis als solches, welches schon damals den Frauen einen hohen Stellenwert einräumte: Dieses Verständnis basiert nicht in erster Linie auf staatlichen Institutionen, sondern es stellt vor allem ab auf die Tugendanstrengung des einzelnen Bürgers in seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund war es wesentlich einfacher, den Frauen noch lange die politische Gleichberechtigung vorzuenthalten - Politik im Sinne der Lenkung staatlichen Handelns hatte ganz anders als in Europa den Stempel des Sekundären, wichtiger war die Wirtschaft und ganz generell die Gesellschaft, die als eine möglichst staatsminimalistische organisiert wurde. Ein Beispiel für diese Grundströmung ist die "domesticity" - Bewegung, der es nicht darum geht, die Sphäre der Frau als gleichwertige Kraft neben der öffentlich politischen Sphäre zu etablieren, sondern sie „erklärt die politische Sphäre für Makulatur und macht die häusliche Privatsphäre zur Keimzelle der gesellschaftlichen, wenn nicht sogar der politischen Ordnung“.(8) Mit dieser Bewegung eng verbunden ist der Roman „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe, der 1852 erschien und die offizielle Haltung der Vereinigten Staaten in der Sklavenfrage kritisierte. Romane wurden damals in Amerika vor allem von Frauen und für Frauen geschrieben, welche dadurch einen beträchtlichen Einfluss auch auf das Politische ausübten, obschon oder gerade weil sie aus der offiziellen Politik und aus der Wirtschaft ausgeschlossen waren und Kultur unter diesen Umständen gleichsam zur Frauensache wurde. Der erwähnte Roman wurde sofort zu einem Bestseller und gab der Begegnung gegen die Sklaverei grossen Auftrieb. Es kommt darin ein Verständnis von Politik zum Tragen, das diese von den grossen Institutionen ablöst und sie direkt im ethischen Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Die „Tugendpolitik“ der Frauen nahm im 19. Jahrhundert eine klare Richtung ein, indem sie sich gegen den Staat richtete. Staatspolitische und nationale Identität Damit sind wir - auch aus einem ganz anderen Blickwinkel herkommend - nochmals bei einem ganz zentralen Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Europa angelangt. Staatlichkeit spielt für europäische Nationen eine wichtige Rolle - und zwar nicht beschränkt auf die Sozialstaatlichkeit, sondern in einem tiefergehenden, staatsphilosophischen Sinne. Umgekehrt kann und darf Staatlichkeit in den Vereinigten Staaten keine analoge Rolle spielen. Deshalb haben die einzelnen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner eine ausgeprägte nationale Identität, wo wir in Europa eher von der staatspolitischen Identität ausgehen.(9) Für die Gründerväter der Vereinigten Staaten war es von Anfang an sehr wichtig, ein System zu erfinden, welches sie vor dem Willen der Mehrheit des Volkes wirksam schützen konnte. Ein mächtiger Staat sollte vermieden werden, und es sollte in Zukunft auch nicht möglich sein, dass sich die Dinge dahin entwickeln könnten.(10) Der Schutz jeder Art von Minderheitsinteressen wurde deshalb in der Verfassungsdiskussion zu einem zentralen Anliegen, dessen Wurzeln auch auf den bereits seit den ersten Tagen der Einwanderung anerkannten Schutz der Religionsgemeinschaften und Sekten zurückgingen. Im Verlauf der amerikanischen Revolution wurde die Lösung darin gefunden, dass die Rechtsprechung höher eingestuft wurde als die Demokratie: Jede unterlegene Minderheit kann den obersten Gerichtshof anrufen und mit Berufung auf die Verfassung Gesetze anfechten, die von der parlamentarischen Mehrheit erlassen worden sind. Demokratie ist in Europa klar mit Parlamentarismus verbunden, während in den Vereinigten Staaten Demokratie viel stärker mit der Justiz verbunden ist. In Europa besteht die demokratische Identität in der Wahl der Parlamente, zu der man in der Eigenschaft als Teil des Volkssouveräns berechtigt ist. In US-Amerika besteht die demokratische Identität darin, Rechte zu haben, die einem durch die Verfassung garantiert sind, und die man als Einzelperson oder Vertretung eines Minderheitsinteresses einklagen kann. So erhält das Recht und die Justiz eine ganz andere Funktion als in Europa: Die Zugehörigkeit des Einzelnen zu Amerika manifestiert sich - aufgrund der fehlenden staatspolitischen Identität - weniger über Parlamentswahlen und Gesetzgebung, sondern in erster Linie durch Abgrenzung, Behauptung und Durchsetzung individueller Rechte. So wird die Institution des Gerichts zum höchsten und letzten Garanten individueller Sicherheit und der Gang vor Gericht wird gleichsam zu einem Akt "bürgerschaftlicher Anerkennung" (11) Recht und Moral Die Darstellung wäre aber unvollständig, wenn wir nicht auch noch kurz einen Blick auf die Rolle der Moral werfen würden. Dazu gibt es eine interessante Untersuchung. Ein britischer und ein US-amerikanischer Rechtswissenschaftler haben nämlich gemeinsam die Unterschiede zwischen dem Rechtsverständnis ihrer beiden Länder untersucht und sind zum Schluß gekommen, daß diese dem Recht eine unterschiedliche Qualität zumessen, welche letztlich mit dem unterschiedlichen Staatsverständnis zusammenhänge. Großbritannien habe eine formale Vorstellung von Recht, die Moralvorstellungen der Richter sollen in die Entscheidungen möglichst nicht einfließen. Die britische Richter vertrauten auch stark auf die anderen staatlichen Organe Parlament, Regierung, Verwaltungsbehörden, Polizei und hätten ein gewisses Misstrauen gegenüber der öffentlichen Meinung. Anders in den Vereinigten Staaten: US-amerikanische Richter hätten grosses Misstrauen gegenüber den anderen staatlichen Organen. Sie würden lieber Prinzipien der Alltagsmoral einfließen lassen, während dies für den britischen Richter undenkbar sei. In den USA wird keine Trennung von Recht und Moral vorgenommen, während Großbritannien diese Trennung streng durchgeführt hat. Deshalb ist nur in den USA der Durchgriff der Moral auf die einzelnen Rechtsentscheidungen denkbar. In Großbritannien sei das Recht hingegen völlig regelgeleitet, damit auch neutral und berechenbar.(12) Soweit dieser Vergleich durch die beiden Juristen, beide mit der anglo-amerikanischen Rechtstradition vertraut. Die transatlantisch unterschiedlichen Wege, auf welchen Moralvorstellungen ins Recht einfliessen, gehen auf das unterschiedliche Staatsverständnis zurück. Weil in Europa Staatlichkeit auch philosophisch unabdingbar ist, geht der Staat über die reinen horizontalen Rechtsbeziehungen zwischen den Privatpersonen hinaus und stellt etwas Drittes dar, dem man das Recht in der Form einer systematische Ordnung anvertrauen kann. Und weil sich - rechts- und staatstheoretisch betrachtet - das souveräne Volk über seine parlamentarische Vertretung in der Gesetzgebung manifestiert, bringt es seine Moralvorstellungen in diesen Prozess ein. Dadurch erhält der Staat eine durchaus ethische Qualität. Umgekehrt in den Vereinigten Staaten: Weil der Gesellschaftsvertrag ein rein horizontaler ist, wird auch das Recht in der direkten Beziehung zwischen den Individuen weiterentwickelt. Weil es in der amerikanischen Gesellschaftskonzeption sorgsam vermieden worden ist, dass überhaupt jemand im Namen des souveränen Volkes sprechen kann, erscheint es als logisch, dass Moralvorstellungen direkt vor den Gerichten und in der Oeffentlichkeit im Umfeld von Prozessen diskutiert werden. Eine Trennung von Recht und Moral, wie sie die Aufklärung für Europa hervorgebracht hat, ist unter diesen Umständen schwierig durchzuführen. Wenn wir uns bewusst machen, dass ein anderer - nicht europäisch gewachsener - Umgang mit Moralvorstellungen nicht nur von einem weltweit rezipierten US-amerikanischen Gesellschaftsverständnis ausgeht, sondern auch von gewissen Strömungen im Islam, und wenn wir darüberhinaus zur Kenntnis nehmen, dass diese beiden Einflussnahmen so unterschiedlicher Provenienz sogar zum Teil zu den selben Resultaten führen, dann lohnen sich derartige Betrachtungen sehr. Dies vor allem dann, wenn uns die Errungenschaften der europäischen Aufklärung nach wie vor am Herzen liegen sollten. Ich möchte abschliessen mit einem Zitat von Dietmar Schloss, dessen Buch „Die tugendhafte Republik. Politische Ideologie und Literatur in der amerikanischen Gründerzeit“ ich vieles über die Rolle der Frauen in der US-amerikanischen Geschichte habe entnehmen können: „Die Tugend, die aus der Politik verdrängt wurde, hat eine eigentümliche Virulenz. Sie zeugt von einem idealistischen Zug im Menschen, einem Willen, sich nicht gänzlich verwalten zu lassen. Nicht immer jedoch ist die ausserparlamentarische Tugend heilsam; auch sie kann totalitäre Züge annehmen, wie sich an diversen fundamentalistischen und political-correctness-Bewegungen unserer Gegenwart zeigt.“ (13) |
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1) Als die Reformation einsetzte, war die politische Ordnung in Europa bereits sehr differenziert, es gab nicht einfach ein großes Reich wie letztmals unter Karl dem Großen um das Jahr 800 , sondern eine Vielfalt von Mächten und Staaten, deren Machthaber mit der katholischen Kirche immer um Einfluß gestritten hatten. Die Reformation führte dazu, daß sich die Religion konfessionalisierte. Die Konfession, auf deutsch das »Bekenntnis«, die undiskutierbar ist und Absolutheit wie auch Universalität beanspruchte, bemächtigte sich auch der Politik. Oder umgekehrt formuliert bemächtigten sich die verschiedenen Herrscher verschiedener Konfessionen und fanden neu eine religiöse Begründung für ihre Kriege. Das war vorher nur in den Kreuzzügen gegen die muslimische Welt möglich gewesen, für die Kriege innerhalb Europas standen keine religiösen Begründungsmöglichkeiten zur Verfügung, weil Europa einheitlich christlich war. Die so entstandene Gewaltbereitschaft war neu und ungeheuer groß. Die Kriege wurden entsprechend lang und unerbittlich, weil eine religiös motivierte Kriegspartei aufgrund des Absolutheitsanspruches keinen Frieden schließen, sondern nur siegen oder vernichtet werden kann. Die Politiker, welche die Kriege führten, waren jedoch mit einer Lebenserfahrung ausgestattet, die für einen solchen Fundamentalismus gar nicht empfänglich war. Sie kamen aus einer Welt mit einem Nebeneinander vieler Mächte und Staaten und waren darüber hinaus geprägt von einem ständigen Machtkampf mit der Kirche. Religion konnte deshalb für sie gar nicht zur einzigen und letzten Norm werden. So unterschieden sie weiterhin zwischen der kirchlich-religiösen und der staatlich-politischen Fürsorge für die Untertanen. Deshalb konnten sie umdenken, als sich zeigte, daß der Krieg sowohl Staat und Gesellschaft als auch die Kirchen ins Verderben stürzen könnte. Die Kriegsherren begannen sich deshalb um den Friedensschluß zu bemühen. Die Architekten des Westfälischen Friedens wurden sich dessen bewußt, daß die religiöse Dimension in die staatlich-politische Dimension übersetzt werden mußte, und das war möglich, weil Politik und Religion schon vorher in Europa keine Einheit mehr gewesen war. So gelang es schließlich auch, das religiöse Engagement in den Frieden zu kanalisieren, und zwar in einen sehr weltlichen Frieden, der den Anfang des Völkerrechtes begründete. So erhielten umgekehrt die weltlichen Friedensbemühungen auch eine sakrale Dimension. Dazu Heinz Schilling, Der Westfälische Friede und das neuzeitliche Profil Europas. In: Heinz Duchhardt (Hg.), Der Westfälische Friede. Diplomatie politische Zäsur kulturelles Umfeld Rezeptionsgeschichte. München 1998, S. 17 ff 2) Kurt R. Spillman erläutert die Hintergründe, weshalb eine relativ kleine Gruppe von Einwanderern einen so nachhaltigen Einfluss ausüben konnte: „Die kleine Gruppe von rigorosen Puritanern, die mit einer externalisierten Bundes-Theologie wie auch mit einer externalisierten Eschatologie ihren Weg durch die Wirklichkeit suchte, bzw. sich eine zu ihrer Ideologie passende Wirklichkeit herzustellen suchte, war es, die den Kern der amerikanischen Nation lieferte und dank der Geschlossenheit ihres religiösen Systems und der Durchschlagskraft dieser selbstbewussten Ideologie auch den Kristallisationspunkt für das Selbstverständnis der neuen Nation abgab.“ Kurt R. Spillmann, Amerikas Ideologie des Friedens: Ursprünge, Formverwandlungen und geschichtliche Auswirkungen des amerikanischen Glaubens an den Mythos von einer friedlichen Weltordnung“, Bern / Frankfurt a.M. / New York 1984 S.41 (Hervorhebung G.H.) 3) »Gerade weil die Kirche nicht in den Staat eingebunden ist, kann die Geistlichkeit unbefangen und frei die Politik begleiten und kritisieren ...«, so Knud Krakau, Exzeptionalismus Verantwortung Auftrag. Historische Wurzeln und politische Grenzen des demokratischen Mission Amerikas. In: Alois Mosser (Hg.), Gottes auserwählte Völker. Erwählungsvorstellungen und kollektive Selbstfindung in der Geschichte. Frankfurt a.M. / Berlin / Bern u. a. 2001, S. 99. 4) David Martin beschreibt die Bedeutung der Religion in dieser Zeit in den USA folgendermassen: „Religion konnte demnach in zweierlei Weise wirksam werden. Zum einen konnte sie die schwärmerische Begeisterung auslösen, welche dann eine Unzahl freiwilliger Glaubensgemeinschaften ins Leben rief, die alle miteinander konkurrieren und sich deshalb auf ihre jeweiligen Märkte einstellen müssen. Zum zweiten konnte sie die Bestrebungen und das Schicksal des amerikanischen Volkes als ganzem in einer Weise legitimieren, dass das Ideal niemals durch eine rauhe Wirklichkeit zu widerlegen war. Die Religion - und das bedeutete: fast jede Religion - wurde deshalb positiv als eine unstreitig proamerikanische Tätigkeit angesehen.“, David Martin, Europa und Amerika. Säkularisierung oder Vervielfältigung der Christenheit - Zwei Ausnahmen und keine Regel, in Otto Kallscheuer (Hg.), Das Europa der Religionen. Ein Kontinent zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus, Frankfurt a.M. 1996, S.168 (Hervorhebung G.H.) 5) Detlef Junker schließt seine Analyse über das, »was Amerika antreibt«, mit den Worten: »Ihre Kraft gewinnt diese Sendungsidee der Freiheit allerdings erst dadurch, daß Bush nicht allein den innerweltlich begründeten Fortschritt zu immer mehr Freiheit vorantreiben will, sondern diesen Fortschritt auch im Namen Gottes verkündet. Erst diese Verbindung macht die Idee der Freiheit zu einer zivilreligiösen Mission, macht Bush zu einem Freiheitskrieger im Namen Gottes oder Gotteskrieger im Namen der Freiheit. Er steht damit (...) in der ältesten Tradition Amerikas.« Detlev Junker, Power and Mission. Was Amerika antreibt. Freiburg i.Br. 2003, S.171 6) vgl. dazu Dietmar Schloss, Die tugendhafte Republik. Politische Ideologie und Literatur in der amerikanischen Gründerzeit, Heidelberg 2003, S.59 ff 7) a.a.O. S.69 ff 8) a.a.O. S.131 9) zum Wesen und zur Bedeutung der Staatlichkeit in Europa und den USA auch Gret Haller, Die Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mit Staat, Nation und Religion, Berlin 2002, S.46 ff 10) Die Frage, wie sich die Volkssouveränität in einer Weise zum Ausdruck bringen könne, welche die Grundanliegen der amerikanischen Revolution nicht gefährdete, wird in den „Federalist Papers“ behandelt, einem eigentlichen Verfassungskommentar, der 1787 von Alexander Hamilton, James Madison und John Jay herausgegeben wurde. vgl. Die Federalist Papers, deutsche Übersetzung eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Barbara Zehnpfennig, Darmstadt 1993 11) so Ulrich K. Preuss, Der Begriff der Verfassung und ihre Beziehung zur Politik, in ders. (Hg.), Zum Begriff der Verfassung: die Ordnung des Politischen, Frankfurt a.M. 1994, S.19 12) P. S. Atiyah / Robert S. Summers, Form and Substance in Anglo-American Law. A Comparative Study of Legal Reasoning, Legal Theory and Legal Institutions. Oxford 1987, S. 5 und 39 13) a.a.O. S.345 |
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