Gret Haller

 

Rede von PROF. EGON BAHR

anlässlich der Buchpremiere vom 1.Oktober 2002
im Willy-Brand Haus, Berlin


 

Meine Damen und Herren

ich kann mich nur an zwei Bücher erinnern, die ich in meinem Leben gelesen habe und die mich nach wie vor begleiten. Das erste Buch war Die Anatomie des Friedens, das 1945 erschien und die Idee hatte, daß die Welt, so wie sie sich darstellt, nur weiterentwickelt werden kann, indem die Souveränitäten der kleinen Dörfer, Völker und Stämme auf die jeweils größere Souveränität übertragen werden, die Ordnung, Recht und Sicherheit schafft und damit Freiheit. Wir sind noch immer dabei, aber die Entwicklung seither geht ein bißchen ­ was Europa angeht doch erkennbar ­ in diese Richtung. Das zweite Buch war Das Prinzip Verantwortung, mit dem ein klassischer deutscher Philosoph ­ der natürlich emigrierte ­ gegen Das Prinzip Hoffnung von Bloch geschrieben hat, ohne zu wissen, daß das im Grunde eine Philosophie der Grünen ist; er lebte in New York, wußte gar nicht, was die Grünen sind, als ich ihn da auftat. Ich habe das Buch dann drei Leuten zum Lesen empfohlen: Brandt, Schmidt und Vogel. Dort steht, daß wir Verantwortung zur Erhaltung der Umwelt tragen, wenn unsere Welt weiterleben soll. Das dritte Buch ist Die Grenzen der Solidarität von Frau Haller. Und zwar deshalb, weil es in einem ganz wichtigen, für das Verhältnis zwischen Amerika und Europa zentralen Punkt deutlich macht, daß die Unterschiede der Betrachtung, die Unterschiede der Interessen, bis hin zu den jüngsten jeden Tag nachlesbaren Differenzen: Irak, Menschenrechtsgerichtshof, oder was immer Sie wollen, nicht nur zurückzuführen sind auf Interessenunterschiede, auf die Interessenunterschiede zwischen der allein verbliebenen Supermacht nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem schwach gebliebenen Europa. Das ist übrigens auch in diesem Buch mit drin. Aber das, was dieses Buch so ungeheuer wichtig macht und es zu dem sicher bisher wichtigsten politischen Buch des Jahres macht, ist, daß der kulturhistorische, religionshistorische, rechtshistorische Unterschied in der Entwicklung Amerikas und in der Entwicklung Europas aufgeblättert wird; deutlich gemacht wird, erklärt wird mit dem Ergebnis, daß diese prinzipiellen Unterschiede weiterwirken werden, immer stärker zum Ausdruck kommen werden und eigentlich unlösbar sind ­ es sei denn, beide Seiten akzeptieren die Unterschiedlichkeit ihrer Standorte. Die Unterschiedlichkeit ihrer Wertvorstellungen, die eben nicht dieselben sind in der Organisation der Gesellschaft, in der Organisation des Staates, in der Organisation der Nation, in der Betrachtung der Menschenrechte, in der Betrachtung der zivilen Rechte. Das heißt, das Buch ist unglaublich aktuell, aufregend. Ich kann nur sagen, es ist vielleicht kein Zufall, daß Frau Haller diese Unterschiede aufgefallen sind und sie dann veranlaßt haben, dieses Buch zu schreiben, in unserem Hinterhof, auf dem Balkan, wo Amerika dominiert und Europa sich in seinen Vorstellungen zu wehren hat. Ich glaube, daß es völlig offen ist, ob wir am Anfang ­ das ist vielleicht schon eine Untertreibung ­ der wirklichen Kolonisierung durch Amerika stehen und daß es völlig unausgemacht ist, ob Europa sich dann mit seinen Werten gegenüber Amerika noch durchsetzen wird, seine Selbstbestimmung, die es sich ja vorgenommen hat, erhält, oder ob wir eben wirklich amerikanische Kolonie werden. Nicht zuletzt bringt Frau Haller ­ auch wieder historisch belegt ­ den Gesichtspunkt mit hinein, daß Mittelosteuropa, das nun zur alten EU hinzukommt, aus verschiedenen Gründen, über die Frau Haller wahrscheinlich reden wird oder wir dann reden können, natürlich größere Ähnlichkeiten mit oder Neigungen zu Amerika hat als Westeuropa. Also ich kann nur sagen, dieses Buch war für mich ein aufregendes Vergnügen, und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit es möglichst viele Menschen lesen. Auch diejenigen, die über die Dinge zu entscheiden haben.


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