| Gret Haller |
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Die Grenzen der Solidarität. Europa
und die USA im Umgang mit Staat, Nation und Religion von BERNHARD STEINER
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Die amerikanische Reaktion auf den 11.September und anschließend die jüngsten Auseinandersetzungen um den Irak haben uns vor Augen geführt, wie anders die USA in moralischen und rechtlichen Fragen vorgehen und das jenseits des Atlantiks die Aufgaben staatlicher Souveränität anders definiert werden als in Europa. Mit dem vorliegenden Buch versucht Gret Haller diese Differenzen zu verstehen und ihren historischen Wurzeln nachzugehen. Die Zürcher Juristin und Politikerin spricht aus Erfahrung: sie war von 1996 bis 2000 für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) als Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien Herzegowina und erlebte dort staunend das doch sehr unterschiedliche Vorgehen der USA und der Europäer im Prozess des "Nation Building". Mit dem Buch versucht sie eine Antwort auf die im Balkan aufgeworfenen Fragen zu finden.- Im ersten Abschnitt "Bosnien" schildert sie den mühsamen und fast aussichtslosen Kampf um das Land aus der ethnischen Sackgasse zu einem staatsbürgerlichen Aufbau zu führen. Der Krieg, ausgelöst durch den ethnischen Nationalismus und geschürt durch die lokalen Medien hat das normale Zusammenleben zwischen den Volksgemeinschaften verunmöglicht. Das Vorgehen beim Wiederaufbau staatlicher Strukturen offenbart ihr die unterschiedlichen rechtlichen, religiösen und moralischen Wurzeln der Europäer und Amerikaner. Im Abschnitt "Transatlantische Unterschiede" geht sie den historischen Wurzeln nach. Getrennt haben sich die Wege, so Haller mit dem Westfälischen Frieden, der 1648 den dreißigjährigen Krieg beendete. An dieser "transatlantische Weggabelung" entstand der europäische Staat als Antwort auf die schrecklichen Religionskriege: der Krieg sollte "verstaatlicht" werden und nur Staaten berechtigt ihn zu führen. In die Gründung der Vereinigten Staaten floss hingegen, die Erfahrung der Auswanderer ein, die auf der Flucht vor religiöser Verfolgung jetzt verhindern wollten, das sich der Staat irgendwie in ihr Leben einmischt. Auf eine Formel gebracht lautet hier ihr Fazit: Europa brauchte die Freiheit zum Staat um die Freiheit von der Religion durchsetzen zu können, die Vereinigten Staaten brauchten umgekehrt die Freiheit vom Staat, um die Freiheit zur Religion durchsetzen zu können. Daher hat die strikte Trennung von Staat und Kirche in den USA weniger den Sinn, den Staat vor religiösen Einflüssen zu schützen sondern vielmehr umgekehrt, der Schutz des Religiösen vor dem staatlichen Zugriff. Dies als Beispiel einer ihrer feinen Beobachtungen die sich in dem Buch zuhauf finden. Eine der Stärken des Buches liegt darin, das es ihr gelingt die historischen Wurzeln der heutigen Entwicklung offen zu legen. Die europäische Rechts- und Friedensordnung gründet seit dem Westfälischen Frieden auf einem individuellen und staatlichen Souveränitätsverzicht der in die Europäischen Union mündete und der auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Der Verzicht auf Teile der Souveränität stößt jedoch jenseits des Atlantiks eher auf Unverständnis im Gegenteil die Nordamerikaner glauben an ihre Berufung das Freiheitsideal in die Welt zu tragen. Deshalb, so Haller, sei es umso wichtiger das Europa seine Wurzeln kenne und zu ihrer eigenen staatspolitischen Identität stehe. Gret Haller beschreibt sehr differenziert kaum ein Bereich der zum Aufbau staatlicher Strukturen dazugehört, den sie nicht berührt. Nur ein Thema wird so gut wie ausgeklammert: die Ökonomie. Eine der Stärken dieser Schrift liegt gerade darin, dass die Autorin sehr differenziert beschreibt, meist nur charakterisiert und sich jeglicher Wertung enthält. Darin kann aber auch gleichzeitig eine Schwäche liegen: manchmal wünscht man sich die Autorin wäre etwas pointierter, würde knapper und prägnanter formulieren. Vielleicht hängt letzteres aber auch damit zusammen, das sie sichtlich bemüht ist, sich nicht den Vorwurf des Anti-Amerikanismus einzuhandeln. Alles in allem ein wichtiges Buch, das gerade jetzt, wo sich die Frage nach der Aufgabe Europas in der Welt- auch im Hinblick auf die Integration von Teilen Mittelosteuropas - wieder ganz neu stellt, einen Beitrag zur europäischen Identitätsfindung leistet. |
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