| Gret Haller |
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EUROPAS VERANTWORTUNG von BERNHARD STEINER |
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Mit Fundamentalismus verbinden wir in der Regel islamische Strömungen, die das Ziel haben, auf Erden einen Gottesstaat zu errichten. Innerhalb dieser Strömungen ist die Trennung von Staat und Kirche entweder gar nicht oder nur ungenügend vollzogen worden. Daß auch die USA als fundamentalistisch charakterisiert werden müssen, ist für viele Menschen ein befremdlicher und manchmal auch beängstigender Gedanke. Ausgehend von ihren Erfahrungen als OSZE-beauftragte Ombudsfrau für Menschenrechte im Prozeß des ÐNation buildingð in Bosnien-Herzegowina, zeigt Gret Haller in ihrem zweiten Buch die Wurzeln des US-amerikanischen Fundamentalismus auf. Gemäß der Devise «Nicht Dämonisierung entzaubert, sondern die Analyse» fördert sie eine Fülle von historischem Material zutage, von dem aus immer wieder geschickt die Fäden in die Gegenwart gezogen werden. Anders als in ihrem ersten Buch ÐDie Grenzen der Solidaritätð wird nun auch die Frage der Wirtschaft in die Betrachtung miteingebunden. Haller geht aus von der Unterscheidung zwischen res publica (öffentliche Sache), also dem staatlichen Rechtsleben im engeren Sinn, und der res privata (private Sache), den Geschäften, die Privatpersonen untereinander tätigen. Während sich die Menschen in der res publicaals Gleiche begegnen, führen die Erfolge oder Mißerfolge der privaten Geschäfte unweigerlich zur Ungleichheit. Während in Europa stärker die Gleichheit betont wird, ist man in den USA eher bereit, die Ungleichheit zu akzeptieren. Hier gilt die Folgerung: Wer reich ist, ist arbeitsam, ist gut, gottgefällig und auserwählt. Arme sind faul und moralisch verwerflich. Heute haben wir daher weltweit einen politischen Kampf darüber, wo die Trennlinie zwischen Markt und Staat verlaufen soll. Wird alles den Gesetzen des Marktes unterworfen und dabei der Staat immer mehr zurückgedrängt, nimmt die Ungleichheit unweigerlich zu. Interessant ist es zu erfahren, wie die Gründungsväter der USA und die Autoren der ÐFederalist Papersð, Alexander Hamilton, James Madison und John Jay, schon früh die Weichen zu dieser Entwicklung gestellt haben. Alles war darauf angelegt, die besitzende Minderheit von der nichtbesitzenden Mehrheit zu schützen. Weiter vertieft Haller die unterschiedlichen Vorstellungen von Moral und Recht, die in den USA und in Europa herrschen. Während in Europa seit der Aufklärung Recht und Moral ein für allemal getrennt sind, haftet jenseits des Atlantiks der Strafe immer auch ein moralisches Urteil an. Diese Unterscheidung der Menschen in Ðgutð und Ðböseð findet auch gegenüber einzelnen Nationen statt. Deshalb lassen sich die USA auf keine internationalen Verpflichtungen ein. Im Hintergrund steht das Gefühl, eine auserwählte Nation zu sein, die es nicht nötig hat, sich dem internationalen Strafgerichtshof noch sonst jemandem unterordnen zu müssen. Was diese Schrift von vielen anderen abhebt, ist, daß sie ihren Ursprung in einer konkreten, existentiellen Erfahrung der Autorin hat und nicht nur eine intellektuelle Auseinandersetzung darstellt. Als Fazit kann man sagen, daß Europa eine ganz konkrete Verantwortung hat, die vor allem darin besteht, nach den Regeln der res publica also dem Prinzip der Gleichheit zu entscheiden, wo die Trennlinie zwischen dem, was staatliches Rechtsleben ist (res publica), und den Marktmechanismen verlaufen soll. |
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