Gret Haller

 

EUROPA MUSS SICH TREU BLEIBEN 
Gespräch mit der Schweizer Publizistin Gret Haller in "Das Goetheanum" Nr.6/06 

von BERNHARD STEINER


 

GretHaller war von 1996 bis 2000 Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien-Herzegowina.Ihre dortigen Erfahrungen,insbesondere das Erleben von unterschiedlichen Wertvorstellungen Europas und der USA, flossen in ihr neues Buch ÐPolitik der Götter.Europa und der neue Fundamentalismusð.Schwerpunktbilden hier die beiden Fundamentalismen ­ der islamische und der aus den USA.Bernhard Steiner traf die heutige  Publizistin in Berlin.  

Wir treffen uns im 4. Stock des Aufbau-Verlags in Berlin. Gret Haller kommt gerade von der Frankfurter Buchmesse und wird am nächsten Abend in einem Gespräch mit Egon Bahr ihr neues Buch ÐPolitik der Götter. Europa und der neue Fundamentalismusð vorstellen. In diesem Buch zeigt sie, daß sich auch in säkularisierten Gesellschaften die Götter ­ veranlaßt durch Menschen ­in die Politik einmischen. Die Folge dieser Einmischung ist, daß wir es in Europa nicht nur mit einem islamischen Fundamentalismus zu tun haben, sondern auch mit einem US-amerikanischen. Daher meine erste Frage an Sie:  

Inwiefern spielt in den USA das Religiöse eine andere Rolle in der Politik als im europäischen Selbstverständnis? 

Im religiösen Bereich liegt der Ursprung aller Unterschiede zwischen  Europa und den USA begründet. Als im 17. Jahrhundert die große Auswanderung in Richtung Westen begann, spielten die Puritaner, die versucht hatten, in England die Macht zu übernehmen, eine wichtige Rolle. Sie gingen davon aus, daß ihre Religionsgemeinschaften schon an sich die öffentliche Ordnung darstellten und garantierten, daß sie also gar keinen Staat brauchten. Das heißt, sie wollten einen Gottesstaat begründen. Das hatte übrigens im Mittelalter die katholische Kirche auch gewollt, nur ging der Kampf zwischen Staat und katholischer Kirche zu Lasten der Kirche aus. Und weil es in England nicht ging, haben die Puritaner beschlossen, nach Amerika zu gehen und dort Ðdie Stadt auf dem Bergeð, das Ðkünftige Jerusalemð, zu gründen. Wenn man sich in den Anfängen der Besiedlung Amerikas an den Kommunalwahlen beteiligen wollte, ging es nur über die kirchlichen Gemeinschaften. Das heißt, es gab schon Demokratie, aber die Beteiligung war an die Mitgliedschaft in einer kirchlichen Gemeinschaft gebunden. Man mußte nach moralischen Kriterien für gut befunden worden sein, um in eine Religionsgemeinschaft aufgenommen zu werden. Damit hielt nicht nur ein moralisches, sondern auch ein religiöses Element Einzug ins US-amerikanische Demokratie-Verständnis, das bis heute wirksam geblieben ist. Die USA sind eine Antithese zu Europa, genauer noch: zu Großbritannien. In Großbritannien wurde schon früh beschlossen ­und der Rest Europas kam dann mit dem ÐWestfälischen Friedenð im Jahre 1648 dazu ­, daß die Religion in die staatliche Ordnung eingebunden wird. Die USA sind bis heute insofern eine Antithese, als dort die Religion der Staatlichkeit übergeordnet ist. Alles, was wir heute beobachten können, auch an politischen Differenzen und an Differenzen im Völkerrecht, geht letztendlich auf diesen Unterschied zurück, der 350 Jahre alt ist, aber erst seit 15 Jahren, seit Ende des kalten Krieges, hat Europa die Möglichkeit, das zu beobachten. 
Ende des 18. Jahrhunderts wurden die verschiedenen Nationalstaaten gegründet, zuerst der amerikanische Nationalstaat, dann mit der Französischen Revolution der französische. Die Gründung dieser beiden Nationalstaaten verlief aber ganz unterschiedlich aufgrund des bereits 150 Jahre alten Unterschiedes in der Rangfolge von Staatlichkeit und Religion. Daß man in Europa die so entstandenen Unterschiede erst seit 15 Jahren überhaupt wahrnehmen kann, ergibt sich aus dem konsequenten Isolationismus der USA. Das Interesse der USA an der Welt ist relativ jung; es begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit Woodrow Wilson und der Idee eines Völkerbundes und mit dem Einstieg 1917 in den Ersten Weltkrieg. Gleichzeitig fand die Russische Revolution statt...  
 
Keine identischen Wertvorstellungen  

... damit entstand die Polarisierung der beiden Weltmächte.  

Noch nicht. Man kann die beiden Weltkriege als eine Einheit betrachten. Es gab einfach Krieg. Man weiß ja, daß Versailles auch zum Zweiten Weltkrieg geführt hat, dann folgte unmittelbar darauf der kalte Krieg. Im kalten Krieg konnte und durfte man niemals die Wertegemeinschaft zwischen Europa und den USA in Frage stellen. So bin ich aufgewachsen. Wir haben das alle ganz tief in uns drin. Als ich mich 1996 entschied, während fünf Jahren in Sarajewo zu arbeiten, ging ich klar von identischen Wertvorstellungen Europas und der USA aus. In Bosnien habe ich dann aber viele Unterschiede beobachten können, die ich nach meiner Rückkehr noch vertiefter analysierte und zum Thema meines 2002 erschienenen Buches machte. Damals interessierte dieses Thema in der Öffentlichkeit nicht besonders, denn ich war der Zeit einfach ein wenig voraus... Das war aber nicht mein Verdienst. Ich habe am einzigen Ort gelebt ­ fünf Jahre lang ­, wo man im Maßstab  eins zu eins diese Konfrontation des USamerikanischen Gesellschaftsverständnisses mit dem europäischen beobachten konnte. Dann kam der Irakkrieg, über den ich gar nicht glücklich bin. Aber durch dieses Geschehen ist das Bewußtsein, das ich sechs Jahre früher in Bosnien zu entwickeln gezwungen war, zu einem weltweiten Bewußtsein geworden. Es ist heute mehr Anschauungsmaterial da ­ leider.  

Dazu gehört die neulich verbreitete Pressemitteilung, daß Präsident Bush die StimmeGottes gehört hätte, der ihm den Auftrag zu einer Mission gab: «George, gehe hin und bekämpfe diese Terroristen in  Afghanistan.» Oder: «George, gehe hin und beende die Tyrannei im Irak.»  

Die Europäer haben die Tendenz, die Person des gegenwärtigen US-Präsidenten überzuinterpretieren. Sie meinen, sobald die Demokraten an die Regierung kommen würden, werde alles anders. Aber eine 350 Jahre alte Prägung, die bewußt so gewählt worden ist, hat zur Folge, daß amerikanische Demokratie etwas anderes bedeutet als europäisch verstandene Demokratie. Das Wechselspiel zwischen Demokraten und Republikanern bedeutet einen Unterschied im Stil und im unterschiedlichen Wissen darüber, was Europa ist. Das Wissen ist bei den Demokraten etwas größer. Aber der Spielraum, der einem USPräsidenten vom amerikanischen Volk her zur Verfügung steht, ist enorm schmal. Und er ist Welten entfernt von dem, was in Europa denkbar ist.  

Gegenseitige Dämonisierung  läßtbeide Fundamentalismen wachsen  

Ist die alte Ost-West-Polarisierung durch eine neue abgelöst worden?   

Das eine sind natürlich die beiden Fundamentalismen, die ich in meinem Buch beschreibe und mit denen Europa konfrontiert ist: der islamische und der von den USA. Ich analysiere dort vor allem den kulturellen und weniger den religiösen, wobei der kulturelle US-Fundamentalismus durchaus auch religiöse Wurzeln hat. Beide Fundamentalismen ­ der islamische und jener aus den USA ­ schaukeln sich gegenseitig hoch, sie haben ähnliche Denkmuster, auch wenn sie sich gegenseitig bekämpfen und verteufeln. Die gegenseitige Dämonisierung läßt die beiden Fundamentalismen wachsen. Das ist das eine. Das zweite ist, daß sich Europa der fehlenden Wertegemeinschaft mit den USA noch kaum bewußt ist. Emotional ist schon ein Gefühl da, aber das ist meistens einfacher Antiamerikanismus, und der ist äußerst schädlich. Ein drittes Element kommt hinzu durch die Globalisierung, durch die ökonomische Umgestaltung von Europa, die auf ein Zurückdrängen des Prinzips der Gleichheit hinausläuft, begleitet von einem Vordringen des Prinzips der Ungleichheit. Das ist nichts anderes als ein Vordringen der Amerikanisierung. Ich unterscheide zwischen der ÐRes publicað, der öffentlichen Sache, vor der alle Menschen gleich sind, und der ÐRes privatað, das heißt dem, was Familie und Wirtschaft betrifft. In der ÐRes privatað ist die Ungleichheit nicht nur berechtigt, sondern unabdingbar, sonst würde der Markt gar nicht funktionieren. Verschiebt sich aber die Trennlinie zwischen beiden immer mehr zuungunsten der ÐRes publicað, so bedeutet dies gleichsam eine Privatisierung der Demokratie, eine Abschaffung des Staates. Von einem gewissen Punkt an ist die Weiterverschiebung der Trennlinie nur noch dann möglich, wenn die Religion an die Stelle des Staates tritt. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß in den USA der Staatsminimalismus nur deshalb möglich ist, weil die Religion an oberster Stelle steht und nicht der Staat. Es steht viel auf dem Spiel für Europa. Zwar steht auch der Sozialstaat auf dem Spiel, das ist aber nur die Spitze eines Eisberges. Es steht zum Beispiel auch das Gewaltmonopol des Staates auf dem Spiel.

Friedensrelevante Werte Europas  

Sie sagen, Europa hat nicht eine Mission, es hat eine Verantwortung.

Es hat die Verantwortung, Werte nicht preiszugeben, welche es sich vor 350 Jahren erarbeitet hat und die friedensrelevant sind. Wenn Europa im Rahmen der Globalisierung die staatsminimalistischen Vorstellungen der US-Gesellschaft rezipiert, könnte es für diesen Kontinent auch friedenspolitische Konsequenzen haben.

Rudolf Steiner stellte sich schon 1919  gegen das damals von dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker.  

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist etwas sehr Problematisches. Ich habe von einer Freundin ein Buch zu Rudolf Steiners Sicht zu diesem Thema bekommen.2Ich bin nicht Anthroposophin. Aber in dieser Frage hat Steiner recht gehabt. Daß das Selbstbestimmungsrecht der Völker im internationalen Recht ein absoluter Fremdkörper ist, sieht man jetzt überall. Die Amerikaner wissen nicht, was ein Staat ist, sie wissen nicht, was eine echte ÐCitoyennetéð ist. ÐCitoyenð heißt: der einzelne ist individuell und gehört universalistisch zum Kollektiv. Eine Volkszugehörigkeit braucht er im Prinzip gar nicht, es genügt die Beheimatung in anderen ÐWirð-Strukturen. Weil die Amerikaner die ÐCitoyennetéð nicht kennen, organisieren sie die Gesellschaft immer über  ethnische Gruppen, sogar wenn das sehr schädlich ist. Das typischste Beispiel dafür ist Bosnien. Es geschah dann wiederum in  Afghanistan und mit verhängnisvollsten Folgen im Irak. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist ein Versuch, nicht das Individuum und seine Absicherung im staatlichen Kollektiv als gesellschaftliche Grundlage zu sehen, sondern die Völker. Sogar ein liberaler Philosoph wie John  Rawls geht in seinem letzten Buch ÐDas Recht der Völkerð von Völkern aus und nicht von Staaten, und er begründet dies sogar ausführlich. Amerikaner gehen davon aus, daß es nur die Summe der privaten Interessen gibt und kein davon verschiedenes Gesamtinteresse. Für Europa gibt es ein Gesamtinteresse, das nicht identisch ist mit der Summe aller Einzelinteressen. Europa muß seiner Geschichte treu bleiben, das heißt in der Tradition  der ÐRes publicað das Prinzip der Staatengleichheit stärken. Gerade dadurch könnten wir von Europa aus einen Beitrag  zur Eindämmung des Fundamentalismus leisten.

Das Interview führte BernhardSteiner im Oktober 2005.  

 

1) Gret Haller: Die Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mitStaat,Nation und Religion,Berlin 2002. 

2) Jens Heisterkamp (Hrsg.): Die Jahrhundertillusion. Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, Steiners Kritik und die Frage der nationalen Minderheiten heute, Frankfurt a.M. 2002  


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