| Gret Haller |
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DAS KONZEPT DES STARKEN, ABER RELIGIONSNEUTRALEN
STAATES ENTSTAND IN EUROPA. INTERVIEW VON ANDREAS TUNGER-ZANETTI, erschienen in der Neuen Luzerner Zeitung vom 22.November 2005
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«Politikder Götter» heisst Ihr neustes Buch. Warum ist darin viel von Politik, Gesellschaft, Recht und Wirtschaft dieRede, aber so wenig von Göttern? Gret Haller: Es geht um das Verhältnis von Politik und Religion. Ich schildere, was passiert, wenn Menschen bei ihrer Politik Gott in Anspruch nehmen, wenn also Religion in die Politik hineinragt. Wie kann das aussehen? Haller: ZumBeispiel gibt es im Rahmen der Globalisierung in Europa Tendenzen zur Entstaatlichung. Nähert sich nun dieser Abbau jenem Staatsminimalismus an, der in den USA seit je besteht, so tritt ab einem gewissen Punkt die Religion an die Stelle der Staatlichkeit. Ein Rückfall in die Zeit vor den Religionskriegen des 17. Jahrhunderts? Haller: Nicht an genau denselben Punkt, aber man gäbe ein 350 Jahre altes Prinzip auf, das die Religion in die Staatlichkeit eingebunden hat. Dies besagt: Zwar darf jeder seine Religion haben und praktizieren, aber er kann sie in der Politik nicht als Argument verwenden. Wäre das so schlimm? Haller: Die europäische Friedensordnung beruht wesentlich auf jenem Prinzip. Wir haben ein Interesse daran, dass sie weiterbesteht. Ein wichtiger Begriff im Buch ist «kultureller Fundamentalismus». Was ist das? Haller: Wie eines der Kapitel überschrieben ist: «Es geht nicht nur um Hollywood...» Es geht generell um den Versuch der Vereinigten Staaten, ihr Modell der gesellschaftlichen Organisation weltweit zu verbreiten, notfalls auch mit Gewalt. Der Irak ist dafür heute das eindrücklichste Beispiel. Welche gibt es denn noch? Haller: Ich bin zuerst in Bosnien damit konfrontiert worden. Das Land liegt in Europa und hat eine sehr europäisch geprägte Geschichte. Im Dayton-Abkommen zur Beendigung des Bosnien-Kriegs brachte man dann aber viele typisch US-amerikanische Elemente in die Gesellschaftspolitik. Konkret? Haller: Im Bereich der Menschenrechte etwa soll der Einzelne so gestärkt werden, dass er sich seine Rechte holt. Das kann er zwar in Europa auch. Doch ist in Europa darüber hinaus der Staat dafür verantwortlich, dass die Menschenrechte gar nicht erst verletzt werden. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel mit einem viel anspruchsvolleren Menschenrechtsbegriff. Was ist an der US-Perspektive problematisch? Haller: Sie geht von einer staatsminimalistischen Gesellschaft aus, in welcher der Zusammenhalt letztlich religiös-moralisch garantiert wird. Deshalb tendiert sie dazu, den Stamm, die Ethnie oder die Religionsgemeinschaft als Ordnungselement einzusetzen. So geschah es in Bosnien, in Afghanistan und im Irak. So ist Staatsaufbau aber nicht möglich. Selber sind die USA mit ihrem Modell nicht schlecht gefahren. Sie sind wirtschaftlich erfolgreich und sehr innovativ. Haller: Ihr eigenes Land sollen sich die Amerikaner so organisieren, wie sie es wollen. Europaunverträglich ist hingegen ihre grössere Gewaltintensität, sowohl im eigenen Land als auch nach aussen. Bei uns hat die Domestizierung der Gewalt einen hohen Wert. Also ist eigentlich Europa überlegen? Haller: Europa hat zwar ein bewährtes Modell zu bieten, zwingt es aber niemandem auf. Europa hat keine Mission, sondern eine Verantwortung. Warum nennen Sie die US-amerikanische Haltung fundamentalistisch? Haller: Es ist nicht Fundamentalismus im religionswissenschaftlichen Sinn, sondern im unscharfen Sinn des allgemeinen Sprachgebrauchs. Kriterien dafür sind: eine übersteigerte Identität, das Absolutsetzen von Wahrheit, Auserwähltheitsvorstellungen, Missionsanspruch, allenfalls Gewaltbereitschaft. Sie sehen einzelne Parallelen zu dieser Haltung bei Teilen der SVP. Haller: Ja, insbesondere in der Bewertung von Gleichheit und Ungleichheit sowie in den damit verbundenen moralisch-religiösen Beiklängen. Gerade die Zürcher SVP Blocher'schen Zuschnitts hat klar religiöse Wurzeln. Immerhin eine recht erfolgreiche Politik. Haller: Es ist durchaus vergleichbar mit Phänomenen in Österreich oder Frankreich: ein Profitieren von Ängsten vor den Folgen der Globalisierung, die man nicht zuletzt deshalb durch Staatsabbau aktiv vorantreibt. Bietet die Schweiz besonders günstigen Nährboden dafür? Haller: Nur im grossen Freiraum, den die Politik der Wirtschaft lässt, ist die Schweiz tatsächlich etwas amerikanischer als die übrigen europäischen Staaten. Beispiel Sammelklagen: Deutschland hat den früheren Wirtschaftsminister Lambsdorff beauftragt, sich der Sache von Staats wegen anzunehmen. In der Schweiz fand der Bundesrat, es sei Sache der Wirtschaft, damit fertig zu werden. Das ist aber die einzige Ähnlichkeit mit den USA. Insbesondere was die Religion anbelangt, ist die Schweiz ur-europäisch. Was empfehlen Sie den Bürgern angesichts dieses Fundamentalismus? Haller: Es ist schon viel erreicht, wenn die Leute darüber nachdenken und reden. Ich glaube an den aufgeklärten Bürger und die aufgeklärte Bürgerin. GRET HALLER: Bern bis Bosnien. Gret Haller, geboren 1947 in Zürich, arbeitete nach dem Jusstudium zunächst als Anwältin, bevor sie die Sozialdemokratische Partei in der Berner Stadtregierung, dann im Nationalrat vertrat, 1993/94 als dessen Präsidentin. 1994 wurde sie Botschafterin der Schweiz beim Europarat in Strassburg. 1996 bis 2000 wirkte sie, gewählt von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, in Sarajevo als Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina. Seit 2001 ist sie freischaffende Publizistin. 2004 verlieh ihr die Universität St.Gallen die Ehrendoktorwürde. atz |
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