Gret Haller

 

DER MYTHOS DER SÄKULARISATION
Gret Haller über Europa, die USA und den neue Fundamentalismus 
Rezension in Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, vom 24. Januar 2006

VON MARIANNE ZEPP 


 

Den Einfluss religiöser Vorstellungen auf die Politik will Gret Haller auch in ihrem neuen Buch beschreiben. Die Autorin ist Juristin, war Mitglied des Schweizerischen Parlaments und der Parlamentarischen Versammlungen des Europarates und der OSZE und von 1996 bis 2000 Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina. Sie hatte sich bereits mit ihrem 2004 veröffentlichten Buch »Die Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mit Staat, Nation und Religion« um einen transatlantischen Vergleich bemüht.
Ausgehend von dem ­ mittlerweile nicht mehr sehr originellen ­ Versuch, die gegenwärtige US-amerikanische Politik aus der Mentalitätsgeschichte der protestantisch-puritanischen Einwanderung zu erklären, unterbreitet Gret Haller ihre These: Europa habe sich durch die Überwindung des Einflusses von Religion auf den Staat und der in der Aufklärung universell begründeten Menschenrechte im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten säkularisiert. Auf dem europäischen Kontinent sei mit dem Westfälischen Frieden der entscheidende Schritt der Loslösung des Staates von religiösen Begründungen und Einflüssen erfolgt. Die Gründungsgeschichte der USA sei im Gegensatz dazu nicht mit dem Impuls einer staatlichen Abwehr von religiösen Einflüssen geprägt gewesen. Vielmehr hätten sich die Vereinigten Staaten seit ihrer Gründung als religiös begründete Gemeinschaft verstanden. Nur so meint die Autorin die unterschiedliche Entwicklung der USA und Europas begründen zu können.
Hätte sie sich intensiver mit Säkularisierungsprozessen auseinander gesetzt, wozu in den letzten Jahren viel erschienen ist, so wäre zumindest die europäische Entwicklungsgeschichte seit der Aufklärung nicht so eindimensional als Erfolgsgeschichte darstellbar gewesen. Lässt man die Katastrophen, die von Europa und insbesondere von Deutschland allein im letzten Jahrhundert ausgingen, beiseite und fragt nach dem derzeitigen Zustand, so kämpfen beispielsweise die westeuropäischen Staaten mit immensen Problemen. Der Einfluss der staatlich privilegierten, etablierten Kirchen auf die öffentliche Verfasstheit der res publica der westeuropäischen Staaten ist weiterhin immens, von der Wiederkehr einer repressiven und national aufgeladenen Religiosität in einem Land wie Polen ganz abgesehen.
Der Nachweis der Autorin, dass sich Wirtschaftsverfasstheit und Markmechanismen mit Hilfe einer religiös-ideologischen Konditionierung zu einem repressiven System in den USA verfestigt haben, überzeugt augenscheinlich. Dazu gehört auch der unterschiedliche Stellenwert, den Familie hat. In den USA, so die Argumentation, wird Familie deshalb ideologisch und gesellschaftlich höher gewertet, weil sie vermeintlich ein wesentlicher Faktor sozialer Sicherheit darstelle, die der Staat nicht zur Verfügung stellt. Nun übersieht die Autorin allerdings, dass dieser Familienzentriertheit auch eine progressive Dynamik innewohnt. Die politischen Rhetoriken des politischen Establishments in den USA sind zwar von religiösen Floskeln und Begründungen durchzogen, doch ist der Schutz von Minderheiten ­ seien sie religiös, ethnisch oder sozial begründet ­ wesentlich ausgeprägter. Der Geist eifernden Protestantentums, den die Autorin ungebrochen am Werke sieht, hat einem nationalen Mythos einer pluralen Gesellschaft Platz gemacht, der weniger nach Auserwähltheit als nach Zugehörigkeit fragt. Eine Zivilreligion ist entstanden, die eine innerweltliche Begründung gemeinsamer Werte darstellt mit der ihr ganz eigenen, für Europäer befremdlichen religiösen Formensprache. Sie ist der nationale Kitt der sich in der Krise sehenden US-Gesellschaft.
Während in Deutschland das Staatsoberhaupt in der Dresdner Frauenkirche mit der Berufung auf einen ­ selbstverständlich christlichen ­ Gott zur Versöhnung aufruft, fragt man sich, wie wohl eine deutsch-türkische Familie sich diesem neuen Kulturprotestantismus gegenüber fühlen muss. An dem Buch irritieren zwei Dinge: einmal die summarische Darstellung mentalitätsgeschichtlicher Entwicklungslinien und damit ihre Eindimensionalität, und zum anderen wird man den Verdacht nicht los, der Autorin gehe es im Grunde nur um eine Abrechnung mit der derzeitigen amerikanischen Politik. Nun kann wohl kein Mensch mit einer einigermaßen anständigen Gesinnung der Bush-Regierung etwas Positives abgewinnen. Den derzeitigen Zustand der politischen Administration in den Vereinigten Staaten allerdings als ein alleiniges Resultat religiösen Sektierertums zu erklären, heißt gesellschaftliche Dynamiken zu unterschätzen, wie sie sich z. B. aus gesellschaftlichen Bewegungen und ökonomischen Krisen entwickeln können. Nun auch noch einen transatlantischer »clash of cvivilisations« zu konstruieren, der Stereotypen auf beiden Seiten reproduziert, verkennt die Kompliziertheit der derzeitigen Lage mit ihren sich rasant verschiebenden weltpolitischen Interessenlagen.
Das Buch ist offensichtlich ein schneller Wurf.


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