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Den Einfluss religiöser
Vorstellungen auf die Politik will Gret Haller auch in ihrem
neuen Buch beschreiben. Die Autorin ist Juristin, war Mitglied
des Schweizerischen Parlaments und der Parlamentarischen Versammlungen
des Europarates und der OSZE und von 1996 bis 2000 Ombudsfrau
für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina. Sie hatte
sich bereits mit ihrem 2004 veröffentlichten Buch »Die
Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mit
Staat, Nation und Religion« um einen transatlantischen
Vergleich bemüht.
Ausgehend von dem mittlerweile nicht mehr sehr originellen
Versuch, die gegenwärtige US-amerikanische Politik
aus der Mentalitätsgeschichte der protestantisch-puritanischen
Einwanderung zu erklären, unterbreitet Gret Haller ihre
These: Europa habe sich durch die Überwindung des Einflusses
von Religion auf den Staat und der in der Aufklärung universell
begründeten Menschenrechte im Gegensatz zu den Vereinigten
Staaten säkularisiert. Auf dem europäischen Kontinent
sei mit dem Westfälischen Frieden der entscheidende Schritt
der Loslösung des Staates von religiösen Begründungen
und Einflüssen erfolgt. Die Gründungsgeschichte der
USA sei im Gegensatz dazu nicht mit dem Impuls einer staatlichen
Abwehr von religiösen Einflüssen geprägt gewesen.
Vielmehr hätten sich die Vereinigten Staaten seit ihrer
Gründung als religiös begründete Gemeinschaft
verstanden. Nur so meint die Autorin die unterschiedliche Entwicklung
der USA und Europas begründen zu können.
Hätte sie sich intensiver mit Säkularisierungsprozessen
auseinander gesetzt, wozu in den letzten Jahren viel erschienen
ist, so wäre zumindest die europäische Entwicklungsgeschichte
seit der Aufklärung nicht so eindimensional als Erfolgsgeschichte
darstellbar gewesen. Lässt man die Katastrophen, die von
Europa und insbesondere von Deutschland allein im letzten Jahrhundert
ausgingen, beiseite und fragt nach dem derzeitigen Zustand, so
kämpfen beispielsweise die westeuropäischen Staaten
mit immensen Problemen. Der Einfluss der staatlich privilegierten,
etablierten Kirchen auf die öffentliche Verfasstheit der
res publica der westeuropäischen Staaten ist weiterhin immens,
von der Wiederkehr einer repressiven und national aufgeladenen
Religiosität in einem Land wie Polen ganz abgesehen.
Der Nachweis der Autorin, dass sich Wirtschaftsverfasstheit und
Markmechanismen mit Hilfe einer religiös-ideologischen Konditionierung
zu einem repressiven System in den USA verfestigt haben, überzeugt
augenscheinlich. Dazu gehört auch der unterschiedliche Stellenwert,
den Familie hat. In den USA, so die Argumentation, wird Familie
deshalb ideologisch und gesellschaftlich höher gewertet,
weil sie vermeintlich ein wesentlicher Faktor sozialer Sicherheit
darstelle, die der Staat nicht zur Verfügung stellt. Nun
übersieht die Autorin allerdings, dass dieser Familienzentriertheit
auch eine progressive Dynamik innewohnt. Die politischen Rhetoriken
des politischen Establishments in den USA sind zwar von religiösen
Floskeln und Begründungen durchzogen, doch ist der Schutz
von Minderheiten seien sie religiös, ethnisch oder
sozial begründet wesentlich ausgeprägter. Der
Geist eifernden Protestantentums, den die Autorin ungebrochen
am Werke sieht, hat einem nationalen Mythos einer pluralen Gesellschaft
Platz gemacht, der weniger nach Auserwähltheit als nach
Zugehörigkeit fragt. Eine Zivilreligion ist entstanden,
die eine innerweltliche Begründung gemeinsamer Werte darstellt
mit der ihr ganz eigenen, für Europäer befremdlichen
religiösen Formensprache. Sie ist der nationale Kitt der
sich in der Krise sehenden US-Gesellschaft.
Während in Deutschland das Staatsoberhaupt in der Dresdner
Frauenkirche mit der Berufung auf einen selbstverständlich
christlichen Gott zur Versöhnung aufruft, fragt man
sich, wie wohl eine deutsch-türkische Familie sich diesem
neuen Kulturprotestantismus gegenüber fühlen muss.
An dem Buch irritieren zwei Dinge: einmal die summarische Darstellung
mentalitätsgeschichtlicher Entwicklungslinien und damit
ihre Eindimensionalität, und zum anderen wird man den Verdacht
nicht los, der Autorin gehe es im Grunde nur um eine Abrechnung
mit der derzeitigen amerikanischen Politik. Nun kann wohl kein
Mensch mit einer einigermaßen anständigen Gesinnung
der Bush-Regierung etwas Positives abgewinnen. Den derzeitigen
Zustand der politischen Administration in den Vereinigten Staaten
allerdings als ein alleiniges Resultat religiösen Sektierertums
zu erklären, heißt gesellschaftliche Dynamiken zu
unterschätzen, wie sie sich z. B. aus gesellschaftlichen
Bewegungen und ökonomischen Krisen entwickeln können.
Nun auch noch einen transatlantischer »clash of cvivilisations«
zu konstruieren, der Stereotypen auf beiden Seiten reproduziert,
verkennt die Kompliziertheit der derzeitigen Lage mit ihren sich
rasant verschiebenden weltpolitischen Interessenlagen.
Das Buch ist offensichtlich ein schneller Wurf.
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