Gret Haller

 

EUROPAS AUSGESTRECKTE HAND
Islamische Einwanderer können auf dem zusammenwachsenden Kontinent ihre Identität bewahren

Vorabdruck aus "Politik der Götter. Europa und der neue Fundamentalismus" in der Frankfurter Rundschau vom 27.September 2005

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Im traditionellen Europa bildete sich Identität im Bezug auf die Nation. Islamischen Einwanderern fiel es deshalb schwer, ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Ihnen bietet sich eine neue Chance, weil die EU mehrere Wir-Gefühle zulässt.

 

In den Vereinigten Staaten ist Religiosität stark öffentlichkeitswirksam und identitätsbildend, während an die Stelle von Staatlichkeit oft private oder zivilgesellschaftliche Gruppen treten so dass Staatlichkeit als wenig identitätsbildend wahrgenommen wird. In Europa ist umgekehrt die Religiosität ins Private zurückgedrängt und wenig identitätsbildend, während umgekehrt der Staatlichkeit im Sinne der res publica auf allen Ebenen eine wichtige Rolle bei der Herstellung von Öffentlichkeit und in der Identitätsbildung zukommt. Ein Bereich, in welchem dieser grundlegende Unterschied besonders deutlich zum Ausdruck kommt, betrifft die Integration von Einwanderern. Religiöse Gemeinschaften spielen für Einwanderer in die Vereinigten Staaten eine herausragende Rolle. Die Religionsgemeinschaft ist nicht selten der erste Ort, wo im neuen Umfeld Orientierungshilfe, Zugehörigkeit und Geborgenheit angeboten werden. Für die Einwanderung aus Europa wurde der Integrationsmechanismus folgendermaßen beschrieben: "Nicht nur wurde von ihm (vom Einwanderer) erwartet, dass er seine alte Religion beibehielt, während er seine alte Sprache bzw. Nationalität ablegen sollte, sondern die Verhältnisse in Amerika waren auch so beschaffen, dass er oder vielmehr seine Kinder und Enkel hauptsächlich in der Religion und mittels ihrer einen definierten Platz im amerikanischen Leben fanden." Diese Analyse ist nach wie vor gültig, heute für Einwandernde aus aller Welt.

In Europa geht Staat über Religion

In Europa besteht entsprechend der umgekehrten Rangfolge von Staat und Religion die Notwendigkeit, Einwanderer über staatspolitische Identität anzusprechen und ihnen ein Sensorium für die daraus resultierende öffentliche Ordnung zu vermitteln. Dies schließt nicht aus, dass sie einen größeren Anteil von Identität auch aus ihren Herkunftsgruppenbeziehungen und aus ihren Religionsgemeinschaften ableiten. Trotzdem muss von ihnen verlangt werden, dass sie sich der öffentlichen Ordnung im Sinne der res publica unterziehen. Und von ihren Religionsgemeinschaften muss dasselbe verlangt werden: Sie und ihre Gläubigen können von der Glaubensfreiheit und der Kultusfreiheit Gebrauch machen, die aber unter dem Vorbehalt der öffentlichen Ordnung stehen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass man in Europa von den eingewanderten Menschen das Akzeptieren einer Bindung im Sinne der abstrakten Zugehörigkeit verlangen muss, die kein "Wir"-Gefühl vermittelt. Der Universalismus der Menschenrechte, deren Gültigkeit mit der res publica untrennbar verbunden ist, beruht auf Individualismus und nicht auf Gruppendenken, welches eher geeignet wäre, eine emotionale Geborgenheit zu vermitteln. Die Kraft der Menschenrechte liegt sogar darin, dass sie das Individuum als solches gruppenunabhängig in seiner Gleichheit mit allen anderen Individuen unter demselben Sternenhimmel definiert. Nun ist aber gerade diese "Gleichheit unter demselben Sternenhimmel" eine Vorstellung, welche im islamischen Denken stark verankert ist. So schließt die bereits erwähnte Umma, die Gemeinschaft aller Muslime, sogar ausdrücklich alle monotheistischen Gläubigen ein, also auch alle Juden und alle Christen. Universalismus und Gleichheit sind also in diesem Denken vorhanden, nur den Individualismus gibt es nicht in der Weise, wie ihn Europa entwickelt hat. Die identitätsbildende Glaubensgemeinschaft bezieht somit den islamischen Einwanderer in Europa nicht nur in eine kleine partikulare Zugehörigkeit ein, sondern er bleibt durch sie auch zugehörig zu universalen Kategorien. Im Bereich der Identitätsbildung und was das Verhältnis zwischen Staat und Religion anbelangt, ist die US-amerikanische Gesellschaftsorganisation relativ islamkompatibel, während das europäische Verhältnis zwischen Staat und Religion relativ inkompatibel ist mit den Vorstellungen und Wünschen vieler Einwanderer islamischen Glaubens. Bezieht man aber das Verhältnis zwischen res publica und Nation in diese Überlegungen mit ein, sieht es wieder etwas anders aus.

Nationalstaat war Gefäß der res publica

Weil sich in der Europäischen Union eine neue Ausgestaltung der - universalen - res publica entwickelt, welche sich von der - partikularen - Nation abgelöst hat, könnte Europa über positivere Entwicklungsperspektiven verfügen. Der Nationalstaat ist das Gefäß, in dem sich die res publica seit mehr als 200 Jahren hat entwickeln können. Auf der Ebene des Nationalstaates wird es die res publica immer geben, und dort wird sie mit der Beheimatung verbunden bleiben, welche die nationale Identität im Sinne eines partikularen "Wir"-Gefühls vermittelt. Auf der Ebene des Nationalstaates sind deshalb drei Elemente gleichzeitig verfügbar, und dies nach Belieben vermischt: der Individualismus, das "Wir"-Gefühl und der Universalismus. Die nationale Identität steuert das "Wir"-Gefühl bei und die res publica sowohl den Individualismus als auch den Universalismus. In Friedenszeiten lässt sich mit dieser Mischung gut leben, sie kann aber - wie Europa erfahren musste - sehr gefährlich werden.

Die große Errungenschaft Europas, die noch längst nicht "errungen" ist, besteht deshalb in einer nationenübergreifenden res publica. Diese beruht zwar auf Individualismus und Universalismus, lässt aber das "Wir"-Gefühl der nationalen Identität hinter sich. Die europäische res publica zählt darauf, dass die Europäer ihr "Wir"-Gefühl der nationalen Identität weiterhin behalten, zusammen mit allen anderen "Wir"-Gefühlen in vielfältigen partikularen Strukturen, von Organisationen und Vereinen über die Erwerbsarbeit bis hin zu familiären oder freundschaftlichen Beziehungen. Würde die Europäische Union ein "Wir"-Gefühl anbieten wollen, würde sie mit anderen Worten eine "Nation" werden wollen, dann hätte sie die angestrebte Errungenschaft verraten. Dies deshalb, weil auf europäischer Ebene an die Stelle des "Wir"-Gefühls etwas anderes tritt, nämlich das Zusammenwirken-Wollen verschiedener "Wirs", ohne dass diese ihre jeweilige partikulare "Wir"-Identität aufgeben müssten Oder, anders formuliert, die verschiedenen Kontrahenten sollen und dürfen diese Identität gar nicht aufgeben, weil die europäische Ebene auf deren Integrität angewiesen ist - integer im Sinne von ganz und unverletzt. Von den Europäerinnen und den Europäern wird im Grunde genommen der Spagat verlangt, eine individualistisch und universalistisch ausgerichtete Identität auf europäischer Ebene zu erkennen im Wissen darum, dass diese kein "Wir"-Gefühl vermittelt. Sie vermittelt höchstens eine klarere Sicht des bereits bestehenden nationalen "Wir"-Gefühls, welche durch den Austausch mit den anderen "Wirs" und deren Vielfalt entsteht. Aber ist es nicht ein ganz ähnlich gelagerter Spagat, den die europäischen Länder ihren Einwanderern islamischen Glaubens abverlangen? Die Parallele ist nicht zu übersehen, nur ist der Ausgangspunkt gleichsam ein umgekehrter. Diese Einwanderer sollen die res publica des jeweiligen Einwanderungslandes anerkennen, und das können sie um so besser, je weniger man von ihnen die Übernahme einer nationalen Identität im Sinne des "Wir"-Gefühls verlangt. "Wir"-Gefühle dürfen und sollen sie sogar beibehalten, wie es ihrer Herkunft entspricht. Das problematische Verhältnis des Islam zum Nationalstaat ist bereits erwähnt worden. An dieser weltweiten Ordnungseinheit führt in der heutigen Zeit jedoch kein Weg vorbei, selbst wenn sie in einer bestimmten Kultur ein Fremdkörper bleibt. Es ist zu hoffen, dass die beiden Entwicklungswege in Europa konvergieren, oder - um das Bild des Spagats nochmals anzusprechen - dass diese Fertigkeit eine gegenseitig ermutigende Ausstrahlung erhält. Je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich für die Integration von Einwanderern islamischen Glaubens. Bildlich gesprochen könnte die über den Nationalstaat hinauswachsende res publica gleichsam als die gegenüber dem Islam ausgestreckte Hand gesehen werden, nachdem der Nationalstaat im islamischen Raum ja immer ein Fremdkörper geblieben ist.

Aus dem Umstand, dass das Prinzip der Gleichheit im islamischen Denken stark verankert ist, ergibt sich jedoch noch eine andere Überlegung, der eine Vorbemerkung voranzustellen ist. Vielen Europäerinnen und Europäern erscheinen Islam und Gleichheit wegen der Stellung der Frauen in dieser Religion als ein unüberbrückbarer Widerspruch. Dies ist verständlich, und es kann nicht klar genug gesagt werden, dass Praktiken wie die Steinigung von Frauen wegen Ehebruchs oder die sexuelle Verstümmelung von Mädchen und Frauen kategorisch zu verurteilende Menschenrechtsverletzungen sind. Ebenso ist die Zwangsverheiratung islamischer Frauen durch ihre Familien abzulehnen. Wenn hier nun erwähnt wird, dass es auch in der Geschichte des Christentums Phasen extremer Würdeverletzung gegeben hat, so nur deshalb, weil auch dem Islam die Möglichkeit nicht abgesprochen werden sollte, in die Gleichheitsvorstellungen auch die Frauen einzubeziehen. Geschahen die christlichen Hexenverbrennungen nicht auch in der Absicht, weibliches "Wohlverhalten" durch das Zufügen unerträglicher Schmerzen oder dessen Zurschaustellung zu erreichen? Die Verankerung des Prinzips der Gleichheit im islamischen Denken hat aber nun eine Konsequenz im Zusammenhang mit dem transatlantisch unterschiedlichen Verhältnis zwischen Marktmechanismen und der res publica. Die US-amerikanische Positionierung der Trennlinie zwischen Markt und Staat beruht letztlich auf religiösen Anschauungen, die nach einem gewissen Maß an Ungleichheit verlangen. Die Positionierung dieser Trennlinie aus europäischer Sicht ist nicht religiös bedingt, weshalb sie einem Mittelmaß zwischen Gleichheit und Ungleichheit folgt, unterschiedlich in den einzelnen Staaten, aber doch innerhalb einer gewissen Bandbreite. Wenn im islamischen Denken nun eine ebenfalls religiös bedingte Vorstellung der Gleichheit aufscheint, so muss damit behutsam umgegangen werden. Ignoriert werden kann sie im Umgang mit Einwanderern islamischen Glaubens dennoch nicht. Die Trennlinie zwischen Staat und Markt könnte nämlich auch in Europa eine religiöse Dimension erhalten. Diese geht aber in die Richtung von mehr Gleichheit, ganz im Gegensatz zu jener, welche sich in den Vereinigen Staaten bemerkbar macht. Die beiden Fundamentalismen, mit welchen sich Europa befassen muss, beeinflussen sich somit nicht nur im religiösen Bereich, sondern auch im wirtschaftlichen. Um beim Bild der ausgestreckten Hand zu bleiben, entspricht die nach europäischem Muster gezogene Trennlinie zwischen Staat und Markt der islamischen Welt besser als die nach US-amerikanischem Muster verlaufende, selbst wenn das europäische Muster von religiösen Kategorien abstrahiert.

Es gibt aber noch einen dritten Bereich, in dem das Bild der ausgestreckten Hand zur Anwendung kommen kann. Auch dieser hat mit dem Prinzip der Gleichheit zu tun. Er kann - obwohl nicht religiös bedingt - in Europa als Brücke gesehen werden zu seinem Pendant im Islam, obwohl dieses dort auch religiös begründet wird: Es geht um die Gleichheit zwischen Staaten und Nationen, und es geht um den Verzicht auf Unterwerfung und Demütigung. Es wird wohl kaum bestritten werden können, dass die islamische Welt zur Zeit einer generellen Demütigung ausgesetzt ist, und dies vor allem durch die Vereinigten Staaten. Dabei sind die Fotos mit den gefolterten Muslimen in US-Militärgefängnissen nur der Ausdruck einer generellen Mentalität, die allen Akteuren gemeinsam ist, die sich für auserwählt halten. Jeder Auserwählte muss und wird über kurz oder lang jene demütigen, welche sich seiner Wahrheit nicht anschließen.

Demütigungen rächen sich

Das entgegengesetzte Denken hat Robert Schuman zu Beginn der europäischen Integration mit folgenden Worten umschrieben: "L'Europe (...) doit, pour exister réellement, être régie par le principe de l'égalité des droits et des devoirs pour tous les pays ainsi associés. La loi démocratique de la majorité, librement acceptée dans des conditions et des modalités préalablement fixées, limitée aux problèmes essentiels de l'intérêt commun, sera en définitive moins humiliante à subir que les décisions imposées par le plus fort." ("In Europa () muss, damit es wirklich existieren kann, das Prinzip der gleichen Rechte und Pflichten für alle Länder, die sich zusammengeschlossen haben, herrschen. Das demokratische Gesetz der Mehrheit, dem unter vorher festgelegten Bedingungen und Modalitäten freiwillig zugestimmt wurde und das sich auf die im Hinblick auf das gemeinsame Interesse wesentlichen Aspekte beschränkt, wird letztlich weniger demütigend sein als die Entscheidungen, die vom Stärkeren aufgezwungen werden.")

Für die europäische Integration ist diese Sicht geradezu Programm. Dieselbe Sicht bildet auch weltweit die Voraussetzung für einen nicht fundamentalistischen Umgang zwischen Staaten, Kulturen und Religionen. Jeder Umgang, der diese Voraussetzung nicht erfüllt, bedeutet eine Demütigung und führt über kurz oder lang zu einer Gegenreaktion.

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am 30.09.2005 um 13:00:57 Uhr
Erscheinungsdatum 27.09.2005


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