Gret Haller

 

«Der Bund»: Stadt und Region Bern Ausgabe vom 15.06.2004
 
EHRENDOKTORIN GRET HALLER
 
Die streitbare Friedensbotschafterin ist von der Universität St.Gallen geehrt worden

Als Berner Gemeinderätin war sie 1988 abgewählt worden, nachdem sie sich gegen die gewaltsame Räumung der Hüttensiedlung Zaffaraya gestemmt hatte. Nun ist Gret Haller, die sich in wichtigen Ämtern auf internationaler Ebene für Frieden und Menschenrechte engagierte, Ehrendoktorin geworden.

WALTER DÄPP

«Die Einteilung der Welt in Gut und Böse kommt einer fundamentalen, wenn nicht gar fundamentalistischen Absage an das Völkerrecht gleich»: Das hat sie unlängst in der Berliner «Tageszeitung» geschrieben ­ und gefolgert: «Wenn die europäischen Staaten eine Einteilung der Welt in Gut und Böse mit besonnenen Worten zurückweisen, drängt dies die zurzeit absolut gesetzten Wahrheiten in Richtung jenes Raumes, in welchem sie sich wieder öffnen können für die so dringliche universale Diskussion.» Als Publizistin und Buchautorin reflektiert und analysiert die 57-jährige Gret Haller nun das, was sie im Laufe ihrer langen, vielfältigen und engagierten politischen Karriere erlebt, erfahren, erduldet, beobachtet, hinterfragt, mitgestaltet, mitgetragen oder bekämpft hat: Ihr jüngstes Buch «Die Grenzen der Solidarität» (2002, Aufbau-Verlag Berlin), in dem sie vor einer Verbreitung des amerikanischen Staats- und Politikverständnisses in Europa warnt, ist bereits in vierter Auflage erschienen und wird demnächst in italienischer Sprache («I due occidenti» ­ «Die beiden Westen») und als Taschenbuch herausgegeben.

«Entschiedener Einsatz»

Im Hinblick auf die Arbeit an einem weiteren Buch, in dem sie das Thema Europa ­ USA vertiefen und im Zusammenhang damit auch auf die Situation der Schweiz eingehen will, ist die Ehrendoktorwürde, die ihr dieses Wochenende von der Universität St. Gallen verliehen worden ist, für sie Anerkennung und zugleich Ermutigung, wie sie sagt, «den nun eingeschlagenen Weg weiterzugehen».
Die Universität St. Gallen würdigt Gret Hallers «entschiedenen Einsatz für die Menschenrechte und ihre grundlegende Analyse des unterschiedlichen Rechts- und Staatsverständnisses in Europa und in den USA».

Der Menschenrechtsgedanke

Gret Haller, die ihre Studien 1973 mit einer Dissertation über Uno-Menschenrechte und die rechtliche Stellung der Frau in der Schweiz abgeschlossen hatte, war von 1985 bis 1988 Stadtberner SP-Schuldirektorin. Nach Wirren um die Hüttensiedlung Zaffaraya und den gewalttätigen Verlauf einer Tschernobyl-Demo (1987) wurde ihr Ausscheren aus der bürgerlichen Gemeinderatsmehrheit vom Stimmvolk nicht goutiert: Nach nur vier Jahren wurde sie nicht wieder gewählt.
Doch ihr damals auf Berner Gemeindeebene verkanntes Streben für ein tolerantes Miteinander ­ als zwar unbequeme, aber gradlinige Kämpferin und als Botschafterin zwischen den Fronten ­ kam nun halt anderen zugute: Sie wechselte als SP-Nationalrätin ins Bundeshaus, wurde 1994 Nationalratspräsidentin, wirkte von Ende 1994 bis 1996 als Schweizer Botschafterin beim Europarat in Strassburg und war von 1996 bis 2000 Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina ­ leistete dort, in einem vom Krieg zerstörten und traumatisierten Land, eine Sisyphusarbeit, die sie entscheidend geprägt hat.
Sie habe sich auch in Bosnien stets bemüht, sagte sie später, die Menschenrechte als etwas darzustellen, das notwendigerweise für alle zu gelten habe ­ unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Rasse und Religion, denn: «Der Menschenrechtsgedanke ist untrennbar mit dem Gleichheitsgedanken verbunden. Oder anders gesagt: Wenn ich die Menschenrechte eines anderen in Frage stelle, nur weil er anders ist als ich, spreche ich mir selber meine Menschenrechte ab, weil ich in den Augen des anderen ja auch ,anders' bin.»

Für gewaltfreie politische Kultur

Nun führt die streitbare Friedensbotschafterin Gret Haller ihren zuerst lokal, später national und schliesslich international geführten «Kampf» für eine gewaltfreie politische Kultur losgelöst von Ämtern und Verpflichtungen als freie Publizistin weiter. Es gehe darum, deutet sie an, auf jeder politischen Ebene «zu verhindern, dass Auseinandersetzung durch unausdiskutierte Machtansprüche ersetzt werden».


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